Erlassjahr in Bayern

 

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Jubilee 2000: Internationale Konferenz in Rom
(Übersetzung von Roland Winkler)
http://www.oneworld.org/jubilee2000/policy_papers/discussion.html

Einleitung

Argumente für eine Streichung der Schulden

Unbezahlbarkeit

Zivilgesellschaft und Konditionalität

Mechanismen zur Verhinderung einer zukünftigen Schuldenkrise

Vom 15. bis 17. November trafen sich in Rom Kampagnenvertreter aus 38 Ländern und von 12 internationalen Organisationen zu einer Konferenz zum Erlaßjahr 2000. Der nachfolgende Text ist eine Zusammenfassung der dort geführten Diskussionen zu den Zielen der Kampagne.

Einleitung

Der jüdisch-christlichen Tradition folgend fordert die Kampagne Jubilee 2000 ein neues Bündnis zwischen Menschen und Völkern und einen Neuanfang, der auf sittlichen Grundsätzen, sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten aufbaut. Sie wendet sich an Menschen, Völker und Systeme, um Hoffnung zu nähren. Es ist notwendig, wieder gerechte Beziehungen zwischen den Menschen und gegenüber der Natur herzustellen. Die Idee einer 'Sabbat-Wirtschaft' sollte uns eine Alternative zum gegenwärtigen, ungezügelten Neoliberalismus aufweisen. Sie ist ein System mit Ruhephasen für Mensch und Natur, das regelmäßig Grenzen setzt für die Entstehung von Ungleichheit und Abhängigkeit. In diesem Kontext fordern wir wirtschaftliche Gerechtigkeit und soziale Gleichberechtigung, das Ende der Ausbeutung und eine dauerhafte Wiederherstellung gerechter Strukturen in der Welt.

Die Kampagne Jubilee 2000 ist ein Schritt in Richtung eines Jubeljahres im neuen Jahrtausend. Sie leistet einen Beitrag in einem laufenden Kampf für Menschenrechte und die Schaffung einer neuen, demokratischen Weltordnung. Wir schaffen eine Bewegung, sowohl im Norden wie auch im Süden, in der volksnahe Organisationen die Kontrolle über Fragen der Wirtschaft und Entwicklung wiedererlangen. Dies ist ein Bestandteil der 'Ermächtigung' der Zivilgesellschaft im Süden wie auch im Norden.

Jubilee 2000 setzt sich für eine Schuldenstreichung ein, weil es starke moralische und praktische Argumente für eine Streichung gibt:

o Die Schuldenstreichung muß in Zusammenhang mit einer Wiedergutmachung für Kolonialisierung und Sklaverei gesehen werden.
o Die Menschen, welche Schulden gezahlt haben und noch weiter bezahlen, sind oft nicht gefragt oder beteiligt worden, noch waren sie sich über die Verfahren und Vorgänge bei der Kreditvergabe im klaren.
o Wenn die Schuldenzahlungen zu Not und Entbehrung führen (die Verweigerung elementarer Rechte), so sind die Schulden unzulässig.
o Es gibt größere Schulden, wie soziale und ökologische Schulden, als nur monetäre Schulden.
o Kredite wurden für unlautere Projekte vergeben und/oder infolge Korruption manchmal auch zweckentfremdet.
o Repressive Regime haben Geldmittel aus Krediten verwendet, um Menschen zu unterdrücken.
o Schuldenstreichung ist ein Weg, um einen biblischen Ruf "Gefangene freizulassen" konkret umzusetzen.
o Es kann kein reiches Leben geben, so lange wir Sklaven der Schulden sind.
o Schulden sind ein moralischer Skandal, und wir sollten uns in Richtung einer moralischen Wirtschaft bewegen.
o Die Mechanismen des Status Quo legitimieren die Politik und Projekte der internationalen Finanzinstitutionen, welche die Menschen des Südens in Frage stellen.

Drei Arbeitsgruppen diskutierten diese Themen und drei konkrete, politische Fragen. Die Zeit war sehr beschränkt und erlaubte keine vollständige Diskussion aller Themen. Doch bei einer Reihe von Kernpunkten ergab sich schnell Einigkeit. Diese kommen in der 'Erlaßjahr-Erklärung von Rom' zum Ausdruck. Obwohl nicht alle Punkte vollständig diskutiert werden konnten, hielten wir es für wichtig, die vorausgegangenen Diskussionen festzuhalten. Dies geschieht in dem vorliegenden Text.

AG 1: Unbezahlbarkeit

Wir diskutierten Begriffe wie Unbezahlbarkeit, verabscheuungswürdige Schulden ('odious debts', Schulden infolge von Krediten, die nicht zum Wohl eines Landes eingesetzt worden sind, Anm. d. Ü.), soziale, ökologische und unzulässige Schulden. Jede Diskussion von unbezahlbaren Schulden muß in einem moralischen Zusammenhang geführt werden, welcher unsere unterschiedlichen Ausgangspunkte widerspiegelt. Dies führte uns dazu, die moralischen Argumente für Schuldenstreichung zu erörtern, bevor wir Unbezahlbarkeit im engeren Wortsinn diskutierten.

In diesem Zusammenhang wurden drei Sichtweisen vorgebracht, was Unbezahlbarkeit für unsere Schuldenkampagne bedeutet.

1. 100% der Schulden der gegenwärtig armen Länder.
2. Ein Niveau des Schuldendienstes, welches eine nachhaltige Entwicklung unterminiert.
3. Das Londoner Abkommen von 1953, welches besagt, daß der Schuldendienst 5% der Exporteinnahmen nicht überschreiten sollte.

Obwohl es kein ideales Wort ist, beinhaltet 'unbezahlbar' einen ausreichend großen Bedeutungsumfang, damit Gruppen es in ihrem eigenen Zusammenhang definieren können.

Eine Diskussion entwickelte sich im Zusammenhang mit der Idee einer 100%-igen Schuldenstreichung bei armen Ländern:

Bedenken gegenüber dem Ziel einer 100%-igen Schuldenstreichung waren unter anderem:

1. Nicht alle Kredite waren schlechte Kredite.
2. Es gibt immer einen Bedarf für Kredite, jetzt und auch nach der Schuldenstreichung.
3. '100%' verlangt die Erstellung einer Länderliste.
4. Die Mehrzahl der armen Menschen in der Welt leben nicht in hoch verschuldeten, armen Ländern (sog. HIPC's), sondern in Ländern mit einem mittleren Einkommen wie Brasilien und Indien.
5. Landesspezifische Mechanismen sind flexibler und gerechter als eine 100%-ige Schuldenstreichung für eine Liste von Ländern.
6. Eine 100%-ige Schuldenstreichung ist politisch nicht durchführbar und bis zum Jahr 2000 nicht erreichbar.

Argumente für das Ziel einer 100%-igen Schuldenstreichung waren unter anderem:

1. Es ist ein angemessener Anlaß für eine einmalige Streichung, welche die Verhältnisse des Schuldenmachens nicht in die Zukunft fortschreibt.
2. Es entspricht der Ablehnung des Systems von Leihen und Verleihen, welches diesen historischen Zusammenhang ausmacht und die Schuldenkrise verursacht hat.
3. Die Forderung ist in einigen Ländern politisch durchführbar.
4. Die Forderung ist ein Maßstab oder Ziel und keine Strategie.
5. Das Feststellen/Streichen der Schulden von Ländern mittleren Einkommens wäre eine zweite Phase der Schuldenerlaß-Kampagne.

Andere Ideen für eine Definition von Unbezahlbarkeit bezogen sich unter anderem auf Zahlen-basierte oder qualitative Konzepte für Schuldentragfähigkeit. Manche nationale Kampagnen bevorzugen es, die Frage der Tragfähigkeit für jedes Land einzeln zu diskutieren, und genau zu beobachten, wer entscheidet, was unbezahlbar bedeutet und dabei einen fairen und transparenten Ablauf sicherzustellen. Aber der Begriff 'tragfähige Schulden' wurde nicht von allen akzeptiert.

Die Gruppe bewegte sich dahin, eine übereinstimmende Meinung auszuformen, was sich im Abschlußdokument der Konferenz befinden sollte, einschließlich eines gemeinsamen Verständnisses von Unbezahlbarkeit. Es gab eine besondere Diskussion jener Schulden, welche aus einer moralischen oder praktischen Sichtweise heraus bereits bezahlt worden sind; gemeint ist dabei, daß es zu einer Änderung der Verhältnisse gekommen ist, die bedeuteten, daß der Schuldner bereits alles bezahlt hat, zu dem er ursprünglich vertraglich verpflichtet gewesen ist, aber der Gläubiger betrachtet den Kredit weiterhin als nicht abbezahlt. Drei Beispiele wurden hier genannt:

1. Die Zinssätze sind wesentlich erhöht worden, sodaß der Schuldner bereits mehr gezahlt hat, als von ihm bei Vertragsabschluß erwartet wurde;
2. Die Handelsbeziehungen haben sich wesentlich geändert. Das Land hätte bereits ausreichende Mengen Exportgüter produziert, um die Schulden abzuzahlen, wenn diese Schulden in landwirtschaftlichen Produkten statt in Dollars festgesetzt worden wären.
3. Dem Schuldnerland sind Währungsabwertungen aufgezwungen worden, und der Wert des Kredites in lokaler Währung ist bereits bezahlt worden, aber nicht sein Wert in Dollar.

Wir kamen überein, daß das Dokument, welches aus dieser Konferenz hervorgeht, unsere Vielfalt und Einigkeit als Symbol unserer Stärke widerspiegeln sollte. Wir diskutierten darüberhinaus, wie im Abschlußdokument zum Ausdruck kommen könnte, daß die Idee des Erlaßjahres Anlaß für soziale Veränderung sein kann.

Gemeinsamer Bericht an das Plenum:

Wir möchten, daß es eine Erklärung von Rom geben wird, welche unsere Vielfalt in der Schuldenkampagne als Reichtum wahrnimmt und unser gemeinsames Verständnis der Probleme zum Ausdruck bringt. Die Erklärung sollte die unterschiedlichen Lebensbedingungen widerspiegeln, denen wir entstammen und die unterschiedlichen Erfahrungen und Ansätze, welche dieser Kampagne ihre Gestalt geben, beispielsweise der Zusammenhang der Wiedergutmachung in Afrika, eher soziale und ökologische Schulden denn einfach nur monetäre Schulden in Lateinamerika, etc.

Wir sind bei der Lösung der Schuldenkrise zur Gerechtigkeit verpflichtet und weisen darauf hin, daß sich heutige Entschuldungsinitiativen dieses Themas nicht annehmen.

Wir sind verbunden durch die Forderung nach einer Streichung unbezahlbarer Schulden zum Jahr 2000. Zu den unbezahlbaren Schulden gehören:

1. Schulden, die nicht bezahlt werden können, ohne den armen Menschen eine unzumutbare Last aufzubürden.
2. Schulden, die aus moralischer Sicht bereits bezahlt worden sind.
3. Schulden infolge mißgestalteter Politik oder Projekte.
4. Verabscheuungswürdige Schulden und Schulden, welche von repressiven Regimen gemacht worden sind.


AG 2: Zivilgesellschaft und Konditionalität

Die Arbeitsgruppe versuchte nicht, den Begriff der Zivilgesellschaft zu definieren, aber sie machte deutlich, daß er Gewerkschaften, nachbarschaftliche und ländliche Zusammenschlüsse, Frauen- und Jugendbewegungen und andere volksnahe Organisationen einschließen müßte, die einen klaren demokratischen Ansatz aufweisen.

Entwicklungsprozesse können nicht von auswärts durch Geldgeber und internationale Finanzinstitutionen festgelegt werden, und es bestand Einigkeit, daß aufgezwungene Strukturanpassungsmaßnahmen den Menschen nicht geholfen haben. Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik muß auf einer nationalen Basis festgelegt werden und sich an den Anforderungen und Möglichkeiten einer besseren Zukunft für die gesamte Gesellschaft orientieren. Die Ketten der Abhängigkeit müssen durchbrochen werden, sodaß die Menschen in den Schuldnerländern frei werden, ihre eigenen Vorstellungen von Entwicklung hervorzubringen.

Es bestand Einigkeit, daß die Gläubiger nicht die Bedingungen für Schuldenstreichungen festsetzen können. Es ist notwendig, für die Schuldenstreichungen einen Rahmen zu schaffen, der sicherstellt, daß die freigesetzten Geldmittel nutzbringend verwendet werden. Aber dieser Rahmen muß durch die Menschen im Süden zum Nutzen der Menschen im Süden geschaffen werden. Menschen und Organisationen im Norden sollten dieses Konzept unterstützen und dafür werben.

Wir sahen die Notwendigkeit, daß die Zivilgesellschaft an den Verfahren bei der Schuldenstreichung stärker beteiligt werden muß. Hierzu gehören die Klärung, was alles zu diesen Verfahren gehört, wie die freiwerdenden Gelder eingesetzt werden sollen und die fortlaufende Beobachtung ihrer Verwendung. Es gab eine Diskussion über die Rolle demokratisch gewählter Regierungen, aber es bestand Einigkeit, daß selbst demokratisch gewählte Regierungen nicht erlaubt werden sollte, die Schuldenfrage ohne eine wesentliche Beteiligung der Zivilgesellschaft zu lösen.

Es bestand Einigkeit, daß die infolge der Schuldenstreichungen freiwerdenden Gelder für die Entwicklung des Landes und zum Nutzen der ärmsten Menschen im Lande eingesetzt werden müssen. Es bestand ebenfalls Einigkeit, daß sowohl das Verfahren der Schuldenstreichung wie auch die Verwendung der freiwerdenden Geldmittel völlig transparent geschehen muß.

Wir kamen zu keinem klaren Schluß, wie ein solches Verfahren im Detail ablaufen kann. Es wird in jedem Land anders sein. Viele Teilnehmer empfanden es als angemessen, daß die Regierungen der Schuldnerländer eine formelle Vereinbarung mit der Zivilgesellschaft treffen sollten, wie die durch die Schuldenstreichung freiwerdenden Geldmittel eingesetzt werden sollten.

Wir betrachteten dies als einen fortlaufenden Verhandlungsprozeß. Obwohl die Schulden zum Jahr 2000 gestrichen werden müssen, werden die Schuldnerländer einen fortlaufenden Nutzen daraus ziehen, weil jedes Jahr Mittel freigesetzt werden, die andernfalls für Schuldenzahlungen gebraucht worden wären. Deshalb erwarten wir, daß sich die Übereinkünfte zwischen Zivilgesellschaft und Regierung im Laufe der Zeit ändern werden.

Es gab eine Diskussion zur Möglichkeit einer von außen durchgeführten Überwachung der Verwendung der durch die Schuldenstreichung freiwerdenden Geldmittel, insbesondere durch Organisationen der Vereinten Nationen wie Unicef und WHO, und auch bezüglich der Möglichkeit, Ausgaberichtlinien für die Regierungen festzusetzen. Dabei konnte aber keine Einigkeit erzielt werden.

Es gab eine ausführliche Diskussion zu Schuldenstreichungen bei Ländern, welche von repressiven Regimen regiert werden. Es ist unser Anliegen, daß Schuldenstreichungen nicht repressiven Regierungen oder korrupte Eliten helfen sollten. Aber gleichzeitig sollten auch nicht die Gläubigerländer die Bedingungen für Schuldenstreichungen festsetzen dürfen. Es wurde argumentiert, daß die Forderung nach einer Beteiligung der Zivilgesellschaft dazu führen würde, daß sich repressive Regime von dem Schuldenstreichungsverfahren ausschließen würden und daß die Beteiligung der Zivilgesellschaft zu einer größeren Demokratisierung und Bürgerbeteiligung in allen Ländern führen wird.

Gemeinsamer Bericht an das Plenum:

Schuldnerländer und internationale Finanzinstitutionen sollen nicht die Bedingungen für die Schuldenstreichung festsetzen dürfen. Der Rahmen für die Schuldenstreichung muß vom Süden für den Süden festgesetzt werden. Die Zivilgesellschaft muß wesentlich daran beteiligt werden, wie die durch die Schuldenstreichung freiwerdenden Geldmittel eingesetzt werden. Dies wird dazu führen, daß die freigesetzten Geldmittel nutzbringend verwendet werden.


AG 3: Mechanismen zur Verhinderung einer zukünftigen Schuldenkrise

Die Menschen in verschuldeten Ländern müssen das Recht haben, sich gegenüber ihren Gläubigern in der gleichen Weise zu schützen, wie jeder andere Schuldner geschützt wird. Mittel, die benötigt werden, um das Los der armen Menschen zu lindern, müssen von den Ansprüchen der Gläubiger ausgenommen werden. Schuldner müssen das Recht haben, einen Schuldnerschutz zu beantragen. Eine Schlichtungskommission sollte diese Verfahren als neutrale und unparteiische Instanz leiten. Von Gläubigern und Schuldnern sollte jeweils die gleiche Anzahl Schlichter benannt werden. Gemeinsam wählen diese eine weitere Person, damit sich eine ungerade Anzahl ergibt.

Einzelpersonen und verschuldete Einrichtungen werden in den meisten Ländern geschützt. Es gibt ein Insolvenzrecht, welches gemäß 'Kapitel 9' auf Gemeinden in den Vereinigten Staaten angewandt wird. Ein Insolvenzrecht auf dieser Grundlage könnte in gleicher Weise verschuldete Länder schützen. Dies würde einen Schlußstrich unter Verschuldung ziehen und eine weitere Schuldenanhäufung verhindern. Darüberhinaus bedeutet die Existenz eines solchen Insolvenzrechtes, daß für die Geldgeber die konkrete Möglichkeit besteht, ihr Geld zu verlieren; dies würde sie von einem leichtsinnigen Geldverleih abhalten, was dabei hilft, moralische Hazardspiele seitens der Kreditgeber zu verhindern.

Weitere Mechanismen zur Verhinderung zukünftiger Schuldenprobleme sind:

o Schuldenumwandlung, um Gelder für Projekte, die im Interesse der Menschen sind, zur Verfügung zu stellen.
o Einführung einer Tobin-Steuer
o Ein Handelskodex für transnationale Konzerne
o Die Demokratisierung internationaler Finanzinstitutionen und der Welthandelsorganisation (WTO)
o Gerechtere Handelsbeziehungen
o Selbstbestimmung und
o Staatliche Entwicklungshilfe, die ausschließlich als Subvention vergeben wird.

Gemeinsamer Bericht an das Plenum:

Die Arbeitsgruppe zu Mechanismen zur Verhinderung einer zukünftigen Schuldenkrise verlangt, daß ein Insolvenzrecht Teil der Kampagnen-Plattform sein sollte. Die besonderen Probleme von Ländern, die von Naturkatastrophen oder Nachkriegskonflikten betroffen sind, müssen in angemessener Weise berücksichtigt werden. Im Fall von verabscheuungswürdigen Schulden sollte ein Schlichtungsverfahren durchgeführt werden, wobei allerdings zwischen verabscheuungswürdigen Schulden und Insolvenz ein wesentlicher Unterschied besteht. Der Verlust verabscheuungswürdiger Kredite würde auch die Kreditgeber dafür strafen, daß sie Geld an Diktatoren verliehen haben.

: "... wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" Unter diesem Motto rufen das Missionswerk der Evang.-Luth. Kirche in Bayern und missio München dazu auf, am Sonntag, dem 13. Juni 1999, dem Sonntag vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Köln, in den evangelischen und katholischen Gemeinden in Bayern Bittgottesdienste für einen weitreichenden Schuldenerlaß für die ärmsten Länder zu halten. Damit werden die Bitten der Partner im Süden weitergegeben: Tretet bei Euren Regierungen für einen umfassenden Schuldenerlaß ein, denn Entwicklung braucht Entschuldung. Beide Werke werden Anfang Mai 1999 an alle Gemeinden Plakate und Material für Predigt, Meditation und Fürbitten verschicken. Bitte fragen Sie in den Pfarrämtern nach.

Der Arbeitskreis Frauen und Weltwirtschaft des Bayerischen Mütterdienstes in Nürnberg Stein, sucht Kontakt zu anderen Gruppen und Kreise die zu dem Thema "Frauen und Verschuldung / Schulden" arbeiten.
Email an
ked@diakonie-bayern.de

28.06.1999

Vorlage für einen Artikel für Gemeindebriefe

Bitte an die Redaktionen der Gemeindebriefe weitergeben!

Erlaßjahr 2000 - Viel erreicht und doch das Ziel weit verfehlt

17.099.748 Unterschriften, gesammelt in 50 Ländern dieser Welt, wurden von Bono (Sänger der Gruppe Popgruppe U2), Bischof Oscar Rodriguez (Schirmherr der deutschen Kampagne) und Christiane Overkamp (Kampagnensprecherin) am 19.06.1999 in Köln am Rande des G8-Gipfels symbolisch an den Bundeskanzler und G8-Präsident Gerhard Schröder übergeben. Rund 6.000 davon kamen aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck. Kurz darauf bildet 35.000 Menschen in Köln eine friedliche, 10 km lange, Menschenkette rund um die Kölner Altstadt. Für besonders gute, ausgelassene Stimmung sorgten dabei die Delegationen aus Groß Britannien. Eine Kölnerin, die zufällig in die Demonstration geriet bemerkte: „So viele nette, freundliche, fröhliche Menschen!"

Bereits am 18.06.1999 beschlossen die G7-Staaten (G8 nennen sie sich erst seit dem Ende dieses Gipfels) 70 Mrd. US-Dollar für eine Entschuldung der 36 ärmsten Länder der Welt bereit zu stellen. Auf Deutschland entfällt dabei ein Anteil von 2,4 Mrd. DM. Dies ist das erstemal in der Geschichte, daß ein Schuldenerlaß auch der multilateralen Gläubiger (hauptsächlich IWF und Weltbank) zustande gekommen ist. In sofern war Freitag der 18.06.1999 ein historisches Ereignis. Ein Erfolg aller Aktiven und aller Mitträger, an den am Beginn der deutschen Kampagne niemand zu glauben wagte.

Trotzdem haben die Mitträger der Kampagne keinen Grund mit dem erreichten zufrieden zu sein. Genauer betrachtet verteilen sich diese 2,4 Mrd. DM nämlich auf die Laufzeiten der Kredite, auf bis zu vierzig Jahre. Damit beträgt der Deutsche Beitrag 30 bis 80 Mio. DM pro Jahr, weniger als eine DM pro Kopf pro Jahr. Auf der anderen Seite werden den 36, durch die Weltbank als „hoch verschuldet und arm" eingestuften Ländern, nur 40% ihrer Schulden erlassen. Die meisten dieser Staaten schaffen heute weniger als ein Viertel ihrer Schulden zu bedienen, rund 75% der Schulden können sie sowieso niemals zurückzahlen. Diesen Staaten wird nur ein Teil der Schulden erlassen, die sie ohnehin nicht mehr bedienen können. Eine Entlastung dieser Staaten findet nicht statt. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen in diesen Staaten findet somit ebenfalls nicht statt. Über Gegenwertfonds braucht sich derzeit niemand Gedanken zu machen, denn es werden keine Mittel dafür frei. Bei der Einstufung geht die Weltbank nur vom Pro-Kopf-Einkommen aus. Es gibt aber auch Länder, die ein Pro-Kopf-Einkommen oberhalb dieser Grenze haben und trotzdem untragbare Schuldenlasten haben. Auch in diesen Ländern herrschen Armut und Not. Für diese Länder gab es in Köln keinerlei Schuldenerlaß.

Viele Redner auf den Veranstaltungen der Kampagne am Rande des G8-Gipfels kommentierten dann auch die Beschlüsse als ersten Schritt. Mit den Worten der Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul: „Es war nur ein Anfang." Die Mitträger der Kampagne sollten sie wörtlich nehmen und immer wieder daran erinnern. Auch allen Parlamentariern muß klar gemacht werden, daß dieser nun beschlossene Schuldenerlaß längst noch nicht ausreicht. Die Mächtigen und Reichen der Welt haben sich bewegt, aber der Vergleich eines ersten Schrittes auf dem Weg kann aus der Sicht der Mitträger nicht gelten. Auch bei dem Schuldenerlaß ging es nicht darum, was für die Länder des Südens nötig ist, sondern darum, was sich die Länder des Nordens leisten wollen. Den Mitträgern der Kampagne geht es nicht um volkswirtschaftliche Bilanzen, sondern darum, einen Beitrag zum Kampf gegen Not, Elend und Armut zu leisten. Von diesem Standpunkt aus betrachtet war dieser Schuldenerlaß kein erster Schritt in die Richtung, sondern nur das Einsteigen in die Startblöcke. Die Kampagne „Erlaßjahr 2000 – Entwicklung braucht Entschuldung" muß weitergehen. Die Unterstützung durch die Mitträger darf nicht nachlassen. Es wird viel Energie nötig sein, die Regierungen der G8-Staaten davon zu überzeugen, daß dieser Schuldenerlaß wirklich nur ein Anfang gewesen sein kann. Es wird viel Geduld, Kreativität und Ausdauer nötig sein, dieses Thema weiterhin in der Öffentlichkeit zu halten und den Menschen auf der Straße die Beschlüsse der Kölner Schuldeninitiative auseinander zu legen, und ihnen zu erklären, daß es keine Entlastungen für diese Staaten geben wird. Vielleicht gelingt es dann ja doch noch, eine Verbesserung der Situation der Bevölkerung in den hoch verschuldeten Ländern zu erreichen.

Jürgen Mai