Länderheft O Brasil[ Blick hinter die Kulissen ] [ "Entdeckung" der Neuen Welt ] [ Die Einwandererkirche ] [ Geld oder Leben und Antworten der Kirche ] [ Entwicklungsplan Amazonien ] [ Menschen im Urwald ] [ Der Anfang vom Ende ] [ Convivencia ] [ Anhang zur Ausstellung ] Menschen im UrwaldGliederung: Indianer - die "anderen" in der Gesellschaft
Die Folgen dieser Form von Entwicklung für die davon betroffenen Menschen werden am Beispiel der brasilianischen Nationalstraße BR 364 besonders deutlich. Durch den Bau dieser Straße, die sich schnurgerade durch den Urwald im Bundesstaat Rondônia frißt, sollten angeblich die Lebensbedingungen der bereits in der Region lebenden Menschen verbessert werden. Dafür gewährten die Weltbank und andere westliche Kapitalgeber Hunderte von Millionen US$ Kredit. Tatsächlich ging es der brasilianischen Regierung jedoch um vielfältige ökonomische und militärische Interessen. Millionen von Menschen wurden auf dieser Schneise nach Amazonien gelockt, um den Urwald "urbar" zu machen. "Das wirksamste Mittel, um die Indianerkultur zu zerstören, ist, eine Straße durch indianisches Gebiet zu führen." (Pater Paulo Suess)
bis 1983 Pedro dos Santos, verheiratet, drei Kinder, hat vergeblich versucht, sich im Süden Brasiliens eine Existenz aufzubauen - als Kleinbauer, Polizist, Industriearbeiter. Er hört im Radio, daß die Regierung in Rondônia, 3000 km nördlich, Land vergibt. Er zieht mit seiner Familie entlang der BR 364 nach Norden. 1984 - 1987 Dort wird ihm ein Stück Land zugewiesen - mehrere Tage Fußmarsch durch unwegsames Gelände von der nächsten Stadt entfernt. Die Familie brennt einen Teil des Urwaldes nieder, pflanzt Mais und Reis, doch das Land ist unfruchtbar. 1988 Die Familie zieht auf der BR 364 weiter nach Norden. Sie reiht sich ein in einen Strom von Menschen, denen es ähnlich ergangen ist. "Dieses Jahr wird wirtschaftlich durchschnittlich: Schlechter als das letzte aber besser als das nächste." (Volksmund) Exponat: Pflanzmaschine
Paolo da Silva ist mit seiner Familie aus Paraná nach Rondônia gezogen. Während sie in Ariquemes auf die Zuteilung eines Grundstücks warten, werden sie von Mitarbeitern der IECLB unterstützt. Auf dem neuen Stück Land kommt ab und zu der Landwirtschaftsberater vorbei. Die Krankenschwester berät in Fragen der Hygiene und der vorbeugenden Medizin. Zusammen mit drei anderen Familien besitzt die Familie eine Gemeinschaftskuh. So bekommen die Kinder wenigstens frische Milch. Im Lauf von vier Jahren soll der Kirche der Kaufpreis der Kuh zurückerstattet werden. Eine Geschichte mit offenem Ausgang. Dieses Projekt wurde in seiner Startphase von Brot für die Welt unterstützt. Indianer - die "anderen" in der Gesellschaft
Die Indianervölker besinnen sich auf ihre kulturelle Identität. Als die ersten Portugiesen und Holländer ins Land kamen, bewohnten 3 bis 5 Millionen Indianer das heutige Brasilien. Derzeit zählt man 200 Indianerstämme, mit 170 unterschiedlichen Sprachen, in 518 "Indianergebieten". Ihre Zahl dürfte rd. 220.000 Menschen betragen. Das Hauptanliegen der indianischen Gemeinschaften ist die Sicherung ihrer Landrechte: die juristische "Demarkierung" ihrer Gebiete und die defacto-Anerkennung und Durchsetzung der Verfügungsgewalt über ihr Gebiet. Die neue brasilianische Verfassung von 1988 garantiert ihnen dieses Recht. Doch landsuchende Kleinbauern, Unternehmen zur technischen Ausbeutung der Bodenschätze, Viehzüchter, Goldsucher, Holzfirmen dringen immer wieder in ihre Gebiete ein und wirken letztlich zerstörerisch auf das indianische Sozialgefüge und die indianische Kultur. Viele schießen sich den Weg in die Indianergebiete einfach frei. Ein übriges tun eingeschleppte Krankheiten, Alkohol und andere Konsum- und Suchtgewohnheiten, denen die Indianer wehrlos ausgesetzt sind. Die moderne Zivilisation dringt in die entferntesten Indianerhütten vor. Doch die indianischen Gemeinschaften haben begonnen, sich gegen ihre endgültige Ausrottung zu wehren. Auf viel beachteten Treffen, so 1989 in Altamira, haben sie ihr Recht auf Erhalt ihrer eigenen Identität formuliert. Mit anderen Volksgruppen, mit denen sie sich als die "anderen", die ausgegrenzten der brasilianischen Gesellschaft erfahren, setzen sie auf Interessenvertretung durch Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit, um ihre Existenz zu sichern. "Sehr lange Zeit griff der weiße Mann unser Denken und den Geist unserer Ahnen an. Jetzt soll er aufhören damit. Unsere Gebiete sind die heiligen Orte unseres Volkes, hier wohnt unser Schöpfer, der nicht geschändet werden darf." (aus: Indianische Erklärung von Altamira, 1989)
Die BR 364 durchschneidet Gebiete, die seit vielen Generationen von Indianervölkern bewohnt wurden. Krankheiten, die bei uns ganz alltäglich sind, sind bei ihnen unbekannt. Allein an eingeschleppten Grippeviren gingen Abertausende jämmerlich zugrunde. Die Überlebenden finden ihren Lebensraum zerstört. Die Verfassung von 1988 gesteht den Indianervölkern "ewiges Recht" auf ihre Siedlungsgebiete zu. Doch ihr Land ist größtenteils noch nicht vermessen. Damit existiert es für die Entwicklungsplaner auch nicht. "Wenn die Hand des weißen Mannes die Wohnstätten der Geister entheiligt, wird die Welt untergehen." (Aus einem Mythos der Etreka-Indianer)
Die Kulina-Indianer wissen: Ihr Recht auf Leben können nur sie selbst durchsetzen. In der brasilianischen Wirklichkeit bedeutet dies: Sie müssen einige Fertigkeiten der Weißen erlernen. Im Dorf des Häuptlings Torosso bringt ein junger Indianer seinen Stammesgenossinnen und -genossen Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Die IECLB hat ihn dazu ausgebildet. Die Männer kommen um fünf Uhr morgens zum Schulunterricht - bevor der Arbeitsalltag beginnt. Die Frauen kommen nachmittags zusammen. Der Indianermissionsrat der Kirchen unterstützt die Indianervölker bei der Durchsetzung ihrer Rechte - gegenüber den Mächtigen, aber auch gegenüber den Neusiedlerfamilien, die sich durch die Indianervölker bedroht fühlen. Beide - Siedler wie Indianervölker - leiden gleichermaßen unter der ungeregelten Besitzverteilung. "Der Indianer stellt das Gewissen der Vergangenheit dar." (Pastor F. Gierus, IECLB)
Mitarbeiter der katholischen Bischofskonferenz Brasiliens (CNBB) und Vertreter von Ordenskongregationen gründeten 1972 den Indianermissionsrat CIMI (Conselho Indigenista Missionário). Sie setzten damit ein neues Konzept von Verkündigung unter den indianischen Völkern in die Praxis um. Im Mittelpunkt stehen die Anerkennung und der Respekt vor der Würde und der eigenen Identität der Indianer, ihrer Kultur und Religion. Missionsarbeit bedeutet für CIMI nach diesem Konzept vor allem auch, sich für die Rechte der Indianer einzusetzen, die ihnen seit Jahrhunderten vorenthalten worden sind:
Obwohl CIMI eng in die katholische Bischofskonferenz eingegliedert ist, gibt es viele Kontakte zu und Aktionen mit evangelischen Gruppen. Misereor hat die Entstehung des CIMI von Anfang an begleitet. "Die Indianervölker werden nur in ihrer Mit-Welt befreit. Ohne Land, ohne die Flüsse und ohne den Wald gibt es keine "gute Nachricht" für die Indianervölker". (Bischof Erwin Kräutler, Altamira, langjähriger Präsident des CIMI).
Chico Mendes war ein Seringueiro, ein Kautschuksammler. Meist haben die Seringueiros keine Besitztitel auf die Gebiete, in denen sie Kautschuk sammeln und kleine Anpflanzungen haben. Die Verwandlung des Landes in eine handelbare Ware gefährdet ihre Existenz. Die Seringueiros haben eine Gewerkschaft gegründet, die Protestaktionen organisiert, um Abholzungen zu verhindern. Chico Mendes war einer ihrer Wortführer. Großgrundbesitzer, die den Urwald niederbrennen, um Viehfarmen einzurichten, bedrohten Chico Mendes des öfteren mit dem Tod. Im Dezember 1988 machten sie es wahr. "Wir akzeptieren keine Entwicklungspolitik, die die großen Firmen begünstigt, Arbeiter ausbeutet und Umwelt zerstört." (Aus dem Schlußdokument des nationalen Treffens der Kautschukzapfer, 1985) Exponat: Mutter Natur
Wenn der Amazonaswald verbrannt wird oder nach der Zerstörung verrottet, entstehen gewaltige Mengen an Kohlendioxid (CO2 ). Gleichzeitig kann der Wald nicht mehr das in der Luft vorhandene CO2, das v. a. aus unseren Industrie- und Autoabgasen stammt, bindet und in Sauerstoff umwandeln. Dies ist eine der Ursachen für den sog. "Treibhauseffekt", der das Klima auf der Erde verändert. Außerdem ist die größtenteils noch unerforschte Tier- und Pflanzenwelt Amazoniens die natürliche Genbank der Erde. Werden durch Seuchen weltweit bestimmte Nutzpflanzen ausgerottet, kann hier noch Ersatz gefunden werden. Mit der Zerstörung des Amazonaswaldes verfällt diese "Versicherungspolice" auf die Zukunft der Menschheit. " Es ist, als hätten die Nationen der Welt beschlossen, ihre Bibliotheken zu verbrennen, ohne nachzusehen, was drinsteht."(Daniel Janzen, Biologe, zur Amazonaswaldvernichtung)
Schutz der Indianervölker: Mit dieser Auflage waren die Kredite der Weltbank für die BR 364 verbunden. Als Gutachter darauf hinwiesen, daß dies nicht eingehalten wurde, hieß es: die Kredite seien bereits ausgezahlt, nun könne leider nichts mehr getan werden. Ähnlich verhielt es sich mit anderen Großprojekten im Amazonasgebiet. Von José Lutzenberger, Chico Mendes und Indianervertretern auf die Nichteinhaltung von Auflagen aufmerksam gemacht, reagierten die Weltbankdirektoren wie immer mit Empörung - und sahen wieder ihre Hände gebunden. Ende der 80er Jahre beantragte Brasilien erneut Weltbankkredite. Stolz verwies man auf neue Bestimmungen zum Schutz von Indianervölkern, Kautschukzapfern und Umwelt. Doch im Amazonasgebiet war Papier schon immer unendlich geduldig. Auch der Europäische Entwicklungsfonds (EG) und die staatliche "Kreditanstalt für Wiederaufbau" (BRD) stellten Mittel für den Entwicklungsplan Amazonien bereit.
"Im Jahr 1988 gab es im Amazonasgebiet die bisher größten Brandrodungen seiner Geschichte. Hierbei handelt es sich nicht um sog. Unfälle. Diese Brände sind Symptom eines gigantischen und vorsätzlichen Zerstörungsprozesses. Gemeinsam mit dem brasilianischen Volk erlebt die IECLB mit lähmendem Schrecken die APOKALYPSE AMAZONIENS. Die Zeit drängt, von bloßen Reden zu Taten überzugehen. Die Generalsynode der IECLB erinnert daran, daß ökologische Verbrechen einer Sünde gegen Gott selbst gleichkommen. Seine Schöpfung ist heilig. Sie ist Lebensbedingung des menschlichen Seins. Es ist wichtig, neu zu lernen, daß wir ein Teil dieser Schöpfung sind: mit ihr leben wir oder gehen wir unter. Wir wenden uns an die Schwesterkirchen im In- und Ausland mit der Bitte, sich für dieses Anliegen einzusetzen. Wir rufen die Regierungsstellen zum Schutz des Amazonasgebietes auf. Wir bedrängen den Weltwährungsfonds, die Weltbank und andere Institutionen, daß sie ihren Teil der Verantwortung wahrnehmen. Wir beten zu Gott und appellieren an die Vernunft der Menschen, daß die Vision einer AMAZONASWÜSTE nicht Wirklichkeit werde". (Stellungnahme der IECLB zur Regenwaldzerstörung) |