Länderheft O Brasil[ Blick hinter die Kulissen ] [ "Entdeckung" der Neuen Welt ] [ Die Einwandererkirche ] [ Geld oder Leben und Antworten der Kirche ] [ Entwicklungsplan Amazonien ] [ Menschen im Urwald ] [ Der Anfang vom Ende ] [ Convivencia ] [ Anhang zur Ausstellung ] Die EinwandererkircheGliederung:
Anfang des 19.Jahrhunderts wurde Brasilien von Portugal unabhängig. Bis dahin war nur ein kleiner Teil des riesigen Territoriums erschlossen. Vor allem im Süden schienen noch riesige Gebiete für die Kolonisation geeignet. Zudem hoffte man durch eine Besiedelung die schwelenden Grenzstreitigkeiten mit Argentinien und Paraguay zum eigenen Vorteil zu entscheiden. Eine Ausweitung der Sklavenwirtschaft war nicht mehr möglich: England, das die Weltmeere beherrschte, unterband den Sklavenhandel weitgehend. So wurden in Europa Menschen angeworben - als Soldaten für die Landesverteidigung, als Arbeitskräfte für die Kaffeeplantagen und vor allem für die Besiedelung von unerschlossenen Gebieten. Auf diese Weise entstanden im Süden von Brasilien neue Strukturen: Kleinbauernfamilien aus Mitteleuropa siedelten sich an. "Brasilien braucht Arbeitskräfte, fleißig und arbeitsam!" (Pedro de Arejo Lima, Minister, 1828)
Ansiedlung und Herkunftsregionen der deutschen Einwanderer: Rio Grande do Sul São Leopoldo 1824 Hunsrück, Sachsen, Württemberg, Sachsen-Coburg Santa Cruz 1849 Rheinland, Pommern, Schlesien Santo Ângelo 1857 Rheinland, Sachsen, Pommern Nova Petrópolis 1859 Pommern, Sachsen, Böhmen Teutônia 1868 Westfalen São Lourenço 1857 Pommern, Rheinland
Santa Catarina Blumenau 1850 Pommern, Holstein, Hannover, Braunschweig, Sachsen Brusque 1860 Baden, Oldenburg, Rheinland, Pommern, Schleswig - Holstein, Braunschweig Joinville 1851 Preußen, Oldenburg, Schleswig-Holstein, Hannover, Schweiz
Paraná Versch.kleine Siedlungen ab 1877 Wolgadeutsche
Espírito Santo Santa Izabel 1847 Hunsrück, Hessen Santa Leopoldina 1857 Pommern
Rio de Janeiro Novo Friburgo 1819 Schweiz, Hessen Petrópolis 1845 Pfalz, Westfalen, Nassau, Mosel, Rheinland "Leb wohl, du undankbares Vaterland wir ziehen in ein anderes Land wir wandern nach Brasilia nur die Schulden lassen wir da. Wir suchen einen neuen Strand, da finden wir das Gold im Sand. Hurra, hurra, bald sind wir in Brasilia!" (Auswandererlied) Exponat: Grabmal
Die unmenschlichen Bedingungen der industriellen Revolution in Europa trieben Millionen Menschen zur Auswanderung. Eine tiefe Kluft ging durch die europäische Bevölkerung. Millionen Tagelöhner und Handwerker wurden nicht mehr benötigt, hatten keine Existenzgrundlage mehr. Das Europa des 19. Jahrhunderts vertrieb seine Kinder. Allein 100.000 Deutsche, davon sechzig Prozent Protestanten, wanderten nach Brasilien aus. "Nur Auswanderung kann die unnatürliche Lage, in die die Staaten Europas geraten sind, ändern. Die überschüssigen Massen müssen fort, um den Zurückgebliebenen die frühere Ruhe und das verlorene Glück wiederzugeben." (F.X.Ackermann, badischer Konsul in Rio de Janeiro, Anfang der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts)
Der Neuanfang war unendlich schwer: Vermittler waren vom brasilianischen Kaiser beauftragt worden, den Neuankömmlingen Land zuzuweisen. Diesen Agenten waren die Einwandererfamilien ausgeliefert: Bei Landkäufen waren die Besitztitel häufig gefälscht. Wenn die Siedler mit ihren Zahlungen in Rückstand gerieten, konnten sie entschädigungslos enteignet werden. Die Siedlungen entstanden meist in abgelegenen Urwaldregionen. Die Kultivierung von bislang unbebautem Land, das ungewohnte Klima und die fehlende medizinische Versorgung forderten viele Opfer. Die alteingesessene weiße Bevölkerung von Brasilien betrachtete körperliche Arbeit als Sklavenarbeit. Die Neusiedlerfamilien, die ihr Land selbst bestellten, waren für sie nur Menschen zweiter Klasse. "Den Eltern den Tod, den Kindern die Not, den Enkeln das Brot." (Alter Siedlerspruch)
Besonders schwer hatten es die Angehörigen der protestantischen Kirchen: Als Staatsreligion galt bis 1889 der Katholizismus. 65 Jahre lang wurden evangelische Trauungen nicht anerkannt, wurden Kinder aus diesen Familien als unehelich betrachtet, durften die Gebäude der Gemeinden nicht einem Gotteshaus ähneln. Die feindliche Umgebung und die Diskriminierung zwangen die Einwandererfamilien an dem festzuhalten, was sie hatten: ihre Erinnerung an die Heimat, ihre Sitten und Traditionen, ihre Kultur, ihre Sprache und ihren Glauben. Die Gemeinde war der Mittelpunkt, in dem all dies seinen Ausdruck fand. "Die Römische, Katholische und Apostolische Religion wird weiterhin die Religion des Reiches sein. Alle anderen Religionen dürfen ihrem Kult privat in dazu bestimmten Gebäuden nachgehen, die äußerlich nicht das Aussehen einer Kirche haben dürfen." (Artikel 5 der brasilianische Verfassung von 1824)
Der brasilianische Staat überließ den Neusiedlerfamilien die Auseinandersetzung mit der Urbevölkerung. Es scheint, als ob sie von den Behörden planmäßig zur "Säuberung" des Landes von Indianervölkern mißbraucht wurden. Bezeichnungen wie "Bicho do mato" (Ungeziefer des Waldes) oder "Buger" (Dreckschwein) verdeutlichen die Einstellung der Neuankömmlinge zur Urbevölkerung. "Bugerjäger" in Santa Catarina jagten indianische Menschen wie wilde Tiere. Die Indianervölker wurden durch diese Kolonisierung aus ihren bisherigen Lebensräumen verdrängt. Ihnen blieb nur der Rückzug in unwegsame Gebiete. "Matar índio não traz cadeia (Indianermord bringt keine Haft)" (Volksmund)
Aus Deutschland erhielten die ersten protestantischen Gruppen in Brasilien keine Unterstützung, auch nicht von ihren Kirchen. In den ersten 40 Jahren mußten sie ihr kirchliches Leben selbst organisieren. Sie versammelten sich als Gemeinde, bauten Schulen, Kirchen, Pfarrämter, beriefen aus ihren eigenen Reihen Pfarrer und Lehrer und besoldeten sie aus eigener Kraft. Die Einwanderergruppen betrieben Gemeindeaufbau von der Basis her. Dies wirkt bis heute nach: Die Kirche ist eine Gemeindekirche. Mit dem Aufkeimen des Nationalismus in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Nachkommen der Auswandererfamilien wiederentdeckt: Nun sandten auch verschiedene Missionsgesellschaften, darunter die Missionsanstalt in Neuendettelsau, ausgebildete Pfarrer zu den Gemeinden in Brasilien. "Daß eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu Urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursach aus der Schrift hat." (Martin Luther, 1523)
Seit 1886 schlossen sich die Gemeinden zu vier regionalen Synoden zusammen. Die Synoden vertraten die Gemeinden in der brasilianischen Gesellschaft. Hauptanliegen der Synoden war die Vertiefung des Glaubens. Sie sorgten für die Verbreitung von Bibeln, Gesangbüchern und Erbauungsliteratur; verschiedene Gemeindeblätter erschienen. Hermann Dohms gründete 1921 das Evangelische Proseminar und 1946 die Theologische Hochschule in São Leopoldo. Erstmals bildeten die Synoden ihre Theologinnen und Theologen selbst aus. "Alle religiösen Bekenntnisse besitzen das gleiche Recht, ihren Gottesdienst zu halten, gemäß ihrem Glauben zu leben und in ihren privaten und öffentlichen Handlungen nicht beeinträchtigt zu werden." (Artikel 2 der Verordnung der brasilianischen Regierung Nr. 119, 1890, kurz nach Ausrufung der Republik 1889)
Die Deutschen blieben Außenseiter in Brasilien. Unter Wilhelm II. (1888-1918) sollten sie für die Kolonialpolitik Deutschlands eingespannt werden. Es gab sogar Pläne zur Schaffung eines südbrasilianischen "Neudeutschland". Ab 1928 wurde das gesamte evangelische Kirchenwesen Brasiliens von Deutschland aus gesteuert. Von 1933 bis 1945 bildeten sich Organisationen, die sich "Deutsche Christen Brasiliens" oder "Nationalsozialistische Pfarrerschaft Brasiliens" oder auch "Arbeitsgemeinschaft der Bekennenden Kirche in Brasilien" nannten. Im 2. Weltkrieg stand Brasilien auf Seiten der Alliierten. Pfarrer wurden interniert, Hunderte von Gemeindeschulen geschlossen. Schriften durften nur noch in portugiesischer Sprache erscheinen. Dieser Schock brachte die Gemeinden und Synoden dazu, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. "Es ist wichtig, jenseits des Ozeans einen deutschen Bruderstamm zu haben, der deutsch denkt und handelt und in allen Stücken unsere Interessen vertritt." (Dr. Friedrich Fabri, Direktor der rheinischen Mission, 1874)
1948 nahm der Präses des Bundes der Synoden, Hermann Dohms, an der Gründungskonferenz des Ökumenischen Rats der Kirchen teil. Die Mitgliedskirchen traten für eine Gesellschaft ein, die von Freiheit, Gerechtigkeit und der Verantwortung vor Gott und den Menschen bestimmt ist. 1950 wurde der Bund der Synoden Mitglied im Lutherischen Weltbund. Die Ghetto-Existenz der Synoden in Brasilien begann sich zu lösen. Am 25. Oktober 1968 verschmolzen die Synoden rechtlich zur "Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien" (IECLB). "Wir sind Kirche Jesu Christi in Brasilien mit allen Folgerungen, die sich hieraus ergeben für die Verkündung des Evangeliums in diesem Land und die Mitverantwortung für die Gestaltung des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens des Volkes." (1. Versammlung des Bundes der Synoden, 1950) |