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O Brasil

 

Brasilienkarte.gif (10239 Byte)

Einige Fakten und Daten:MST

Länderpapier Brasilien

 Das koloniale Erbe und seine Folgen

  1. Arbeit und Besitz, soziale Situation
  2. Wirtschaft
  3. Prozeß der politischen Willensbildung
  4. Nichtregierungsorganisationen
  5. Kirchen und andere Religionsgemeinschaften
  6. Brasilien in Zahlen

Das koloniale Erbe und seine Folgen

In der mehr als dreihundertjährigen Kolonialzeit (1500-1821), aber auch in dem darauf folgenden Kaiserreich (1822-1888) wurden Strukturen geschaffen, die in Brasilien bis heute Folgen zeigen.

In dieser Zeit wurde die indianische Urbevölkerung (indigene Völker)von rund fünf Millionen bis auf heute rund 250.000 dezimiert. Der durch den vielfachen Ethni- und Genozid ausgelöste Mangel an Arbeitskräften wurde anfangs durch afrikanische Sklaven ausgeglichen. Diesem Menschenhandel sollen rund 10 Millionen Afrikaner zum Opfer gefallen sein. Heute sind ca. 50% der Bevölkerung Schwarze und Mischlinge. Dabei bestimmen Hautfarbe und Herkunft stark die individuellen Chancen in der Gesellschaft.

Die bis heute zu massiven Landkonflikten führende ungleiche Bodenbesitzstruktur läßt sich auf die koloniale Verteilung Brasiliens als Geschenke der Krone an ihre Getreuen zurückführen. 53% der landwirtschaftlichen Betriebe verfügen über 3% der Gesamtbetriebsfläche, während ein Prozent der größten Betriebe über 44% der Landfläche verfügt. Seit der Kolonialzeit hat sich der Siedlungsschwerpunkt vom Nordosten in den Südosten verlagert, wo er auf die Städte Sâo Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte konzentriert ist, aber das Bild urbaner Siedlungszentren, die über 75% der Bevölkerung beherbergen und die vornehmlich an der Ostküste liegen, und relativ menschenleere Räume im Hinterland, hat sich dabei bis heute gehalten und verstärkt.

Durch die Exportorientierung auf Rohstoffe und wenig verarbeitete Produkte (Färbeholz, Zucker, Gold/Diamanten, Kaffee, Kakao, Rohkautschuk) seit der Kolonialzeit verlor Brasilien gegenüber Portugal und England den wirtschaftlichen Anschluß, den es auch durch spätere Importsubstitutionen und temporäre Abkoppelung vom Weltmarkt nicht aufholen konnte. Der wenig entwickelte Binnenmarkt, bei dem rund zwei Drittel der Brasilianer vom Kauf höherer Konsumgüter ausgeschlossen sind, die enorme wirtschaftliche und soziale Kluft zwischen dem relativ entwickelten Süden und dem armen Norden läßt sich bis in die Kolonialzeit zurückverfolgen.

1.1. Indigene Völker

Da die brasilianische Regierung jahrelang die Rodung des Regenwaldes subventioniert hat, sind Landwirtschaft, Rinderzucht und Holzindustrie zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden, auf den Brasilien nicht ohne weiteres verzichten kann. Zwischen 5 und 10 Prozent des Volkseinkommens stammen aus diesen wirtschaftlichen Aktivitäten in den Regenwaldgebieten.

 Die Verfassung von 1988 sieht den Schutz der traditionellen Lebensgebiete der Indios u.a. durch Grenzmarkierung vor. Doch werden die Verfassungsvorgaben in großem Umfang sowohl von staatlicher Seite als auch von Regionalpolitikern, Großgrundbesitzern u.a. unterlaufen.

Trotz der Ausweitung der Bundeskompetenzen in der Bekämpfung der Kriminalität gegen Indios ist Straflosigkeit weiterhin die Regel.

Angesichts des schwachen Schutzes von staatlicher Seite kommt den Nichtregierungsorganisationen (NRO) große Bedeutung zu. Die indigenen Völker artikulieren durch eigene bundesweite Organisationen ihre Interessen (UNI und COIAB), wobei sie von brasilianischen NRO wie IEA (Instituto de Estudos Amazonicos), dem ökumenischen Dokumentationszentrum CEDI und kirchlicherseits von CIMI (Rat der Indianermission) und der Landpastorale CPT unterstütz werden..

1.2. Afrobrasilianer

Seit 1988 ist öffentliche Rassendiskriminierung in Brasilien unter Strafe gestellt. Damit waren vor allem verbale Diskriminierungen angesprochen, rassistisch motivierte Gewalt wurde bis vor einiger Zeit nicht als Problem angesehen. Dies scheint sich nun zu ändern, nachdem vor allem in Sâo Paulo Übergriffe von rechtsextremen Gruppierungen auf Schwarze und Zugewanderte aus dem Nordosten Brasiliens zugenommen haben.

Bisher ist keine größere Sammlungsbewegung entstanden, obwohl sich einzelne Organisationen (besonders z.B. in Salvador/Bahia, aber auch in Rio) für ein schwarzes Selbstbewußtsein engagieren.

Mit einer Initiative ist die afrobrasilianische Bewegung "Wiedergutmachung jetzt" an die Bundesjustiz herangetreten. Sie fordert finanzielle Entschädigung für die ungleichen Lebensbedingungen, die durch den untergeordneten Status für ca. 60 Mio. von afrikanischen Sklaven abstammenden Brasilianern entstanden sind.

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2. Arbeit und Besitz, soziale Situation

Schon 1940 wurde in Brasilien gesetzlich ein Mindestlohn vorgeschrieben. Der Gegenwert in Devisen schwankt stark, je nachdem, inwieweit Inflationsanpassungen vorgenommen werden (z.B. von Dez. 1992 bis Dez. 1993 zwischen 74,60 und 158,10 DM).).

Ungerecht, ungleich und gegen das geltende Gesetz sind Arbeit und Besitzverteilung in Brasilien. 71% der arbeitenden Brasilianer verdienen weniger als fünf Mindestlöhne, die als Existenzminimum für eine Familie angesehen werden, und lediglich 8,4% verdienen mehr als zehn Mindestlöhne. Für viele Einkommensbezieher bleibt jedoch selbst ein Mindestlohn nur ein Traum, vor allem in ländlichen Gebieten, wo selbst von der öffentlichen Hand oft weniger gezahlt wird. Während sich auf die zehn Prozent der Reichsten 48,1% des Nationaleinkommens konzentrieren, teilen sich die zehn Prozent der Ärmsten lediglich 0,8%.

Frauen erhalten eine Bezahlung, die nur 57% des Lohnes der Männer ausmacht. Die "Weißen" erhalten durchschnittlich einen Lohn von 5,3 Mindestlöhnen, während "Schwarze und Braune" durchschnittlich nur 2,5 Mindestlöhne verdienen.

Die Kinderarbeit ist ein anderer Indikator für die soziale Ungleichheit.

Während in den städtischen Räumen der Anteil der beschäftigten Bevölkerung, der weniger als das gesetzliche Minimum verdient, bei 15% liegt, so macht er im ländlichen Raum 43,1% aus.

Von 64 Mio. Brasilianern, die zur wirtschaftlich aktiven Bevölkerung zählen, haben nur 40 Mio. bezahlte Arbeit. Von diesen sind wiederum nur 27 Mio.als Arbeitnehmer gemeldet und sozialversichert. ("Landkarte der Arbeitslosigkeit", IBGE 10. März 1994).

Am 8. März 1995 überreichte die brasilianische Regierung den Vereinten Nationen ihren Bericht über die Situation im Lande. Darin wird ein "dramatischer sozialer Rahmen, der durch tiefgreifende Ungleichheiten gekennzeichnet ist" angesprochen. Die Zahl der Armen wird mit 42 Mio. angegeben (26,8 Prozent von geschätzten 156,3 Mio.). Über 16 Millionen werden als so bedürftig angesehen, daß es ihnen nicht einmal möglich ist, ihren Hunger zu stillen. Enorm vergrößert hat sich der Abstand zwischen arm und reich. 1960 verdienten die zehn Prozent der Reichsten 34-mal mehr als die zehn Prozent der Ärmsten, 1990 waren es bereit 68-mal mehr. Im gesamten sozialen Bereich, Erziehung/Bildung, bei der Lohnentwicklung, besonders für Frauen (73% verdienen unter zwei Mindestlöhnen), hat sich die Situation dramatisch verschlechtert.

Der auf der Basis des Grundwarenkorbes in Sâo Paulo errechnete notwendige Mindestlohn für eine Familie mit zwei Kindern müßte im Januar 1995 bei 723,82 Reais (R) gelegen haben.Trotz des Vetos des Präsidenten gegen eine Erhöhung hat das Parlament beschlossen, den Mindestlohn ab Mai 1995 von 70 R auf 100 R anzuheben. (s. Tabelle Preisvergleich)

4,8 Mio. Landarbeiter sind ohne Land in Brasilien. Die Bürgeraktion gegen Hunger und Elend betont, daß der Kampf um die Demokratisierung des Landes unaufschiebbar ist. "Brasilien ist Weltmeister der Landkonzentration. Es ist unglaublich, daß es Eigentum mit mehr als vier Millionen Hektar gibt, wie wir es hier vorfinden. Das Schlimmste ist, daß sich dieser Prozeß der Landkonzentration von Jahr zu Jahr verschlimmert, statt sich zu verringern."

1993/1994 wurden anstatt, wie geplant, 80.000 Familien, nur 5.800 Familien auf nicht produktiv genutztem und daher zur Enteignung freigegebenem Land angesiedelt.

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2.1. Zur Stellung der Frauen

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau wurde und wird aus der portugiesischen Tradition bestimmt. Dieses Erbe einer ausgeprägten Männergesellschaft mit wenig Rechten und geringen Freiräumen für die Frauen konnte bis heute nicht überwunden werden.

1933 erhielten Frauen das volle Wahlrecht, ab 1934 alle übrigen bürgerlichen Rechte.

Seit den siebziger Jahren sind in Brasilien viele Frauenbewegungen entstanden, die sich gegen politische Repression wandten und für Demokratie kämpften. In die Verfassung von 1988 konnten die Frauen 28 Veränderungen einbringen.

Trotz dieser Rechte sind Frauen in den niedrigsten Lohngruppen und auch im schlecht entlohnten informellen Sektor überproportional vertreten und, entgegen dem Gesetz, erhalten sie oft weniger Lohn für gleiche Arbeit. 20% der Familien werden allein von Frauen unterhalten.

In den Bereichen der neuen Polizeistationen zum Schutz der Frauen und der ersten Frauenhäuser wird die alltägliche offene Gewalt gegen Frauen deutlich. Die Diskriminierung setzt sich im Arbeitsleben fort , wenn Arbeitgeber die Einstellung oder Fortbeschäftigung von Schwangerschaftstests oder Sterilisationsbescheinigungen abhängig machen.

Eine Folge davon ist die hohe Rate von sterilisierten Frauen im gebärfähigen Alter, die lt. Statistik mindestens 20% beträgt.

In der Bevölkerungspolitik wie auch in der medizinisch-pharmazeutischen Forschung wurden durch fehlende Aufklärung sowie mangelnde Vor- und Nachbetreuung vor allem arme, wenig gebildete Frauen zu bloßen Objekten degradiert. Die Sterilisation, wurde zur wichtigsten "Verhütungsmethode" der 80er Jahre. Gesundheitsbewegungen gehen davon aus, daß 45% aller verhütenden brasilianischen Frauen sterilisiert sind, im Nordosten des Landes geht der Anteil gar bis 80%. Kostenlose Sterilisation wird als Wahlgeschenk angeboten, ohne daß den Betroffenen immer bewußt wäre, daß der Eingriff irreversibel ist. (Brasilienrundbrief 3/93, 32-34: 1984 wurden 3.500 Frauen als Testobjekte für das Hormonimplantat "Norplant" benutzt.)

Heute gibt es etwa 3.000 Frauengruppen und Organisationen, die sich in der Zivilgesellschaft engagieren. In politischen Führungspositionen gibt es eine Staatsgouverneurin (von insgesamt 26), 33 Bundesabgeordnete (von insgesamt 513), 5 Senatorinnen (von insgesamt 81), 171 Bürgermeisterinnen (von 4.947 Städten).

2,8% der höchsten Führungsposten in brasilianischen Unternehmen sind von Frauen besetzt.

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2.2. Marginalisierte Kinder und Kinderarbeit

Die Schätzungen über die Zahl der Straßenkinder reichen von einer Million im engeren Sinne (d.h. ohne familiäre Bindungen und Obdach) bis zu acht Millionen im weiteren Sinne (d.h. mit zumindest zeitweiligen Aufenthalt bei der Familie).

Die staatliche Reaktion beschränkt sich auf das Eingestehen von Ratlosigkeit oder -trotz jahrelanger erfolgloser Versuche - den Vorschlag der Zwangsinternierung. Die mangelnde staatliche Fürsorge schlägt sich z.B. in der unzureichenden Schulbildung nieder, was den Kindern einen Ausbruch aus dem Elend weiter erschwert. Der konstruktive Umgang mit Straßenkindern bleibt fast ausschließlich das Betätigungsfeld von NROs und Kirchen.

Kinderarbeit ist zwar nach der Verfassung bis zum 14. Lebensjahr verboten, dennoch arbeiten fast 19% dieser Altersklasse (15-19-jährige: 58%) - v.a. im sogenannten informellen Sektor (z.B. als Schuhputzer) aber auch in der Produktion von Exportgütern wie Orangen, Kaffee und Latex. Kinderarbeit ist zwar nach der Verfassung bis zum 14. Lebensjahr verboten, dennoch arbeiten fast 19% dieser Altersklasse (15-19-jährige: 58%) - v.a. im sogenannten informellen Sektor (z.B. als Schuhputzer) aber auch in der Produktion von Exportgütern wie Orangen, Kaffee und Latex.

Letzte Untersuchungen des Arbeitsministeriums zeigen, daß 40 % (7,5 Mio.) der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte Kinder und Jugendliche sind.

In zwei Regionen des Staates São Paulo z.B. waren 1994 15 % aller Arbeitskräfte in den Orangenplantagen Kinder unter 14 Jahren. Sie verdienten 8 US cents für eine Kiste Orangen mit 28 Kilo. Für nicht ganz 100 US $ im Monat müßten sie täglich 42 Kisten (1.2to) Orangen pflücken. Brasilien hält gegenwärtig 53 % des Weltmarktes für Orangensaft-Konzentrat.

Das Schneiden des Zuckerrohrs ist zu einem großen Teil Kinderarbeit, mit einer 40-Stunden-Woche für fast 42 % der Kinder.

Brasilien liegt in Lateinamerika in puncto Kinder- und Jugendprostitution mit mehr als 500.000 Minderjährigen an der Spitze, weltweit an Platz zwei hinter Thailand. Innerfamiliäre - oft sexuelle - Gewalt und wirtschaftliche Not treiben die Mädchen auf die Straße. Auch Sextourismus spielt eine wachsende Rolle. Ein reger Menschenhandel floriert mit minderjährigen Frauen.

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2.3. Menschenrechte

Die brasilianische Verfassung von 1988 gewährt weitgehende Garantien der bürgerlichen und politischen sowie sozialen und kulturellen Rechte. Dennoch erscheint das Land - Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur - immer wieder wegen schwerster Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Folter und Mord, insbesondere von seiten des Polizeiapparats, in den Schlagzeilen.

1964 bis 1991 wurden im Zusammenhang mit Landkonflikten 1.684 Gewerkschaftler und Landarbeiter ermordet. Auf dem Land ging 1992 die Zahl der Morde zurück, dafür stieg die Anzahl sonstiger Gewaltakte in Form von Zerstörung von Häusern oder Feldern und Vertreibung von Familien - 185.000 Menschen waren im Jahr 1992 von derartigen Gewaltakten betroffen.

Die staatliche und staatlich geduldete Gewalt wird durch verschiedene strukturelle Faktoren begünstigt. Ein zentraler Aspekt ist die weitgehende Nichtverfolgung der Straftäter. Richtern, die solche Fälle aktiv verfolgen, drohen Versetzungen. Zeugen und Anwälte werden oft eingeschüchtert bis hin zur Ermordung. Die Ineffizienz des Rechtssystems erschwert auch außerhalb des Strafrechts die Möglichkeit, sich gegen staatliche Willkür zur Wehr zu setzen.

Zahlreiche lokale Gruppen engagieren sich für die Menschenrechte durch politische Arbeit und konkrete juristische Hilfe in verschiedenen Bereichen - vom Einklagen des gesetzlichen Mindestlohnes bis hin zur Unterstützung von Verfahren im Zusammenhang mit Landkonflikten oder gegen die Polizei nach Mißhandlungen. Auf nationaler Ebene artikulieren sich diese Gruppen über das Movimento Nacional (MNCDDH), in dem rund 350 Mitgliedsgruppen organisiert sind. Daneben haben auch zahlreiche andere im ganzen Land arbeitende Organisationen wie die Landlosenbewegung MST oder die Landpastorale CPT sowie die Indianermission CIMI in den letzten Jahren die Bekämpfung des Gewaltproblems zu einem ihrer Arbeitsschwerpunkte gemacht.

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3. Wirtschaft

Die Entwicklung nach 1955 ist gekennzeichnet durch ein wachsendes Engagement ausländischen Kapitals mit Investitionen in der Privatwirtschaft. Die ausländischen Direktinvestitionen konzentrieren sich schwerpunktmäßig auf die Produktion von dauerhaften Konsumgütern: Automobile, Haushalt- u. Elektrogeräte, Maschinenbau etc. Nach wie vor ist Brasilien Investitionsland Nummer eins der deutschen Konzerne in Lateinamerika (1988: 9 Mrd. DM). Die multinationalen Firmen produzieren im wesentlichen für einen gehobenen, diversifizierten Konsum, das einheimische Kapital vor allem für die Bevölkerungschichten mit niedrigem Einkommen.

3.1. Verschuldung

Finanziert wurde die Industrialisierung nach 1955 mit einer wachsenden Außenverschuldung. Brasilien steht heute an der Spitze der Schuldner der Dritten Welt. Strukturell ist Brasilien im Laufe der letzten drei Jahrzehnte zur international achtgrößten Volkswirtschaft herangewachsen.

Seit Anfang der achtziger Jahre fließt mehr Kapital in Form von Zinsen und Gewinnen aus Brasilien ab, als hinein. Dieser Ressourcentransfer beläuft sich für den Zeitraum 1982-1990 auf 78 Mrd. Dollar und ist damit real größer als die gesamte Marshall-Plan-Hilfe, die nach dem Zweiten Weltkieg aus den USA nach Europa geflossen ist.

Die Krise der brasilianischen Wirtschaft zeigt sich extern in der enormen Auslandsverschuldung, intern in wachsender Armut und sozialer Ungleichheit. Seit 1986 sind die Reallöhne um 43 Prozent gesunken.

Seit November 1990 hat Brasilien ein Handelsdefizit von 1,666 Mrd. US-$ erwirtschaftet, nachdem es mehr als ein Jahrzehnt hohe Außenhandelsüberschüsse erzielt hatte, die zum großen Teil für Zins und Tilgung des Schuldenberges ins Ausland flossen. Als eigentlicher Grund für die negative Außenhandelsbilanz wird die Überbewertung des Real angesehen.

Ende 1990 hatte Brasilien laut OECD-Handbuch insgesamt Auslandsschulden in Höhe von 108,1 Mrd. US-$, die Weltbank weist zu gleichen Zeitpunkt 116,4 Mrd US-$ aus. 1990 wurde ein Schuldendienst von 8,1 Mrd. US-$ geleistet; 4,7 Mrd. für Tilgung und 3,4 Mrd. für Zinsen. Im Vergleich zur gesamten Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen betrug der Schuldendienst 38,6 % im Jahr 1985 und 22,6 % im Jahr 1990.

Aufgrund der Zusage Brasiliens entsprechende wirtschaftliche Strukturanpassungsmaßnahmen durchzuführen, erhielt das Land 1992 einen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Höhe von 2,1 Mrd. US-$. 25% der Summe sollen zur Verringerung der Auslandschuld gegenüber privaten Gläubigern eingesetzt werden.

Eng verknüpft mit dem Interesse der Industrieländer an einer billigen Rohstoffsicherung und dem wachsenden Exportzwang in Folge der hohen Auslandsverschuldung Brasiliens, ist sowohl der kommerzielle Holzeinschlag in Amazonien als auch die Erschließung von Bodenschätzen und die dafür nötige Infrastruktur insbesondere im "Grande Carajas". "Unterscheidet man zwischen dem direkten Verursacher von Schäden und indirekt Verantwortlichen, so offenbart sich die große Mitverantwortung der Industrieländer ... Beispiel das Wasserkraftwerk Itaipu ... es wurde Anfang der siebziger Jahre bei einem Zinssatz von 3 Prozent pro Jahr als 3 Mrd.-Projekt geplant. Gekostet hat es schließlich rund 7 Mrd. US-$ und mit Berücksichtigung von Zins und Zinseszins etwa 25 Mrd. Dollar ..." so die Untersuchung der Kienbaum- Unternehmensberatung, die 1990 im Auftrag des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Umwelt und Gesundheit erstellt wurde. Darin wird weiter auf die Notwendigkeit hingewiesen, daß die Bundesregierung einen Vorstoß zur Entschuldung unternehmen sollte, der für die Tropenwälder sehr viel wichtiger wäre als die meisten der bisher definierten Projekte.

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3.2. Deutsche Interessen

Nach den USA ist die Bundesrepublik das bedeutendste Herkunftsland für Direktinvestitionen. Der Anteil deutscher Firmen in Brasilien wird auf 1.000 bis auf 1.200 geschätzt. Bevorzugte Branchen sind: Straßenfahrzeugbau, Chemieindustrie, Elektroindustrie, Maschinenbau sowie Eisen- und Stahlindustrie. Investitionen der bundesdeutschen Stahlindustrie hängen eng mit dem Ziel zusammen, billig Rohstoffe zu beschaffen.

Die deutschen Firmen beeinflussen die Arbeits- und Lebensbedingungen von Hunderttausenden von Menschen. Nach Berichten brasilianischer Gewerkschafter wird aber auch in deutschen Firmen die gewerkschaftliche Arbeit behindert, Umweltstandards, wie sie in Deutschland üblich sind, werden nicht eingeführt, Arbeitsschutzmaßnahmen sind mangelhaft und die Löhne liegen bei einem Drittel bis zur Hälfte der Belegschaft oft unter dem staatlich festgelegten Existenzminimum.

Laut Auskunft der Industrie- und Handelskammer vom März 1995 sind in Brasilien allein 55 Firmen aus Bayern tätig. Die Risiken deutscher Investitionen werden durch Ausfuhrbürgschaften des Bundes aufgrund des deutschen Entwicklungsländer-Steuergesetzes vermindert. Hermes-Bürgschaften sichern Kapitalanlagen gegen Enteignung, Krieg, Revolution, Zahlungsverbote usw. ab. Die Kontrolle über die sinnvolle Verwendung dieser Investitionshilfen ist minimal.

Exportförderung u. -absicherung durch Hermes-Kredite sind für Großprojekte in Brasilien wie Wasserkraftwerke, Staudämme, das Erzbauprojekt in Carajas und für die im deutsch-brasilianischen Atomabkommen zu errichtenden Kernkraftwerke gegeben worden. Entwicklungspolitische Grundsätze spielen bei diesen Investitionen kaum eine Rolle. Ebensowenig wie Gesichtspunkte der Umweltverträglichkeit.

Für das Erzabbauprojekt in Carajas wurden selbst Hermes-Bürgschaften auf ungebundene Bankkredite gegeben, die nicht an deutsche Lieferungen gebunden waren. Begründet wurde dieses Vorgehen mit der nötigen Absicherung der deutschen Rohstoffversorgung. Auch bei dem monumentalen Bewässerungsprojekt "Neues California" am Rio Sâo Francisco, dessen ökologische und sozialen Folgeschäden bekannt sind, sind deutsche Firmen wie Siemens und damit die Bundesregierung mit Absicherungen über Hermes-Bürgschaften beteiligt. Wenn ein Projekt nicht wie geplant realisiert werden kann, sei es aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen, übernimmt die Bundesregierung die Forderungen und treibt sie als Schulden des ausländischen Staates ein. Ein Beispiel sind die Kernkraftwerke Angra 2 und 3, für die dieKWU bereits einen großen Teil der Lieferungen erbracht hat, deren Fertigstellung jedoch noch nicht abzusehen ist. Angra 2, von dem 1993 der Rohbau stand, verursachte nach Angaben des brasilianischen Betreibers tägliche Zinskosten in Höhe von einer Million US-$. Weitere Hermes-verbürgte Kredite von 700 Mio. US-$ sollen die Fertigstellung ermöglichen. Berechnungen zufolge wird Angra 2 jedoch niemals rentabel arbeiten, selbst wenn es 1998 ans Netz gehen sollte. Bis dahin wird es mindestens 12 Mrd. US-$ gekostet haben. Die Zusage des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit von 250 Mio. DM für den Schutz der Regenwälder ist nach Angaben des ehemaligen Umweltministers José Lutzenberger erst zustandegekommen, nachdem das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) vorher den Weiterbau der brasilianischen Atomkraftwerke durch die deutsche Industrie vereinbart hatte. Daß entwicklungspolitische und Gesichtspunkte der Umweltverträglichkeit bei Exportgarantien des Bundes durch Hermes-Kredite keine Beachtung finden, wird von vielen Seiten unter anderem von der GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) kritisiert.

In zehn Jahren von 1982 bis 1991 hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) aus dem Bundeshaushalt rund 900 Mio. DM Entwicklungshilfe für Projekte in Brasilien vergeben. Dem gegenüber hatte Brasilien jährlich Zinsen von 400 Mio. DM an deutsche Banken und 400 Mio. DM für umgeschuldete Hermes-Kredite und Zinsen für weitere Kredite zurückzuzahlen. (Weitere ausführliche Angaben dazu in: Die deutsche Rolle in der Schuldenkrise der Entwicklungsländer, Misereor, 1993)

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4. Prozeß der politischen Willensbildung

Nachdem wirtschaftliche Krise und internationale Rahmenbedingungen die Militärdiktatur ab 1978 zu einer vorsichtigen Öffnung gezwungen hatten, gewannen die demokratischen Grundrechte wieder etwas an Raum. Die Opposition, die unter der massiven Repression zum Schweigen verurteilt gewesen war, konnte sich erneut artikulieren.

In der Foge des Metallarbeiterstreiks von 1978 gründete sich die Arbeiterpartei PT. 1981 fand die erste Konferenz der Arbeiterschaft statt, die zur Gründung des progressiven Gewerkschafts-dachverbandes CUT führte. Eine der größten Mobilisierungen der brasilianischen Bevölkerung fand 1984 mit der Forderung nach Direktwahlen des Präsidenten (direitas jà) statt. Zwar konnte diese Veränderung nicht durchgesetzt werden, aber der Einfluß der bürgerlichen Massenbewegung, über Partei- und Klassengrenzen hinweg, ist seitdem mitbestimmend für die brasilianische Politik geworden. Die Verfassung von 1988 wurde durch Bürgerbewegungen stark mitgeprägt.

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 5. Nichtregierungsorganisationen

In Brasilien existiert eine große Bandbreite an Organisationen mit verschiedenen Tätigkeitsfeldern auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene.

Zahlreiche Bewegungen verfügen über eine Organisationsstruktur auf nationaler Ebene, so z.B. die Landlosenbewegung (MST-Nacional), die Straßenkinderbewegung (MNMMR), die Bewegung der von Staudämmen Betroffenen (MNAB), die indigenen Völker Brasiliens (UNI), die Bewegung der Obdachlosen (Sem Teto-Nacional), die nationale Vereinigung der Menschenrechtszentren (MNCDDH), sowie kirchlicherseits verschiedene Pastoralen, z.B. die Landpastorale (CPT-Nacional) oder Organisationen wie der Indianermissionsrat (CIMI-Nacional).

Entscheidende Erfolge haben die meist nur lokal und regional operierenden Nichtregierungsorganisationen in ihrem Umfeld. Mit der wachsenden Tendenz zu überregionalen Zusammenschlüssen nimmt auch der Einfluß auf Landes- und Bundespolitik zu. Beispiele dafür sind die "Central dos Movimentos Populares", CMP, oder der Zusammenschluß der brasilianischen Nichtregierungsorganisationen ABONG, der aus Brasilien offiziell an der Vorbereitung des Weltsozialgipfels in Kopenhagen beteiligt war.

Derzeit gehören ABONG rund 270 NRO an. Der globale Ansatz der ABONG besteht in einem "neuen Internationalismus", der anstelle der Teilung der Welt in eine erste, zweite und dritte steht.

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6. Kirchen und andere Religionsgemeinschaften

Das religiöse Spektrum in Brasilien ist weitaus vielfältiger, als es die Statistik vorgibt, denn die meisten religiösen Gruppierungen haben keine kirchlichen Organisationsformen herausgebildet. Im Protestantismus Brasiliens kann eine grobe Unterscheidung zwischen "historischen Kirchen" (Lutheraner, Methodisten, Presbyterianier, Baptisten) und "protestantischen Sekten" (Mormonen, Aventisten, Zeugen Jehovas, Pfingstler) vorgenommen werden.

Die evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB) stagniert seit einiger Zeit bei einer Mitgliederzahl von etwa einer Millionen. In der römisch-katholischen Kirche macht sich sogar ein kontinuierlicher Rückgang des Anteils getaufter Katholiken in der Bevölkerung bemerkbar. Dem entspricht die Zunahme der Anhänger protestantischer Kirchen und Sekten sowie der afro-brasilianischen Kulte auf der anderen Seite.

Die Ausbreitung der protestantischen Sekten ist auf eine systematische und intensive Missionstätigkeit zurückzuführen, die vorwiegend von den USA ausgeht.

Auf die neuen evangelikalen Sekten reagieren die Oberschicht in Brasilien mit Wohlwollen, der Staat mit flankierenden Maßnahmen. Die protestantischen Sekten in Brasilien legen ihren Anhängern das politische Stillhalten im Interesse der Erhaltung des gesellschaflichen status quo nahe. Von seltenen Ausnahmen abgesehen engagieren sich die Anhänger der evangelikalen Sekten in Brasilien nicht in der Politik

Die "Pfingstbewegung" (Assembléia de Deus) ist die größte unter den protestantischen Sekten. Ihre Mitgliederzahl wird auf vier bis sechs Millionen Menschen geschätzt, sie verfügt in ganz Brasilien über 110.000 Versammlungsräume. Bemerkenswert ist die politische Aktivität dieser konservativen Kirche. In die Verfassungsgebende Nationalversammlung 1988 konnte sie 32 Abgeordnete wählen lassen.

Die andere, von der Missouri-Synode in USA gegründete und unterstützte lutherische Kirche von Brasilien, (IELB), arbeitet seit 1899 mit deutschen Einwanderern. Sie zählt ca. 186.000 Mitglieder und gehört nicht dem Lutherischen Weltbund an. Der Ökumene steht sie ablehnend gegenüber, arbeitet aber auf den Gebieten der Sozialfürsorge und der christlichen Erziehung und Literatur mit der IECLB und anderen Kirchen zusammen.

Die römisch-katholische Kirche hat sich mit anderen christlichen Kirchen wie der lutherischen und der orthodoxen arrangiert. Auch mit traditionellen orientalischen Kirchen gibt es wenig Probleme. Da aber die protestantischen Sekten die Gläubigen der katholischen Kirche missionieren, entsteht ein scharfes Konkurrenzverhältnis.

Durch den wachsenden Einsatz der katholischen Kirche und der IECLB für die Einhaltung der Menschenrechte während der Militärdiktatur entwickelte sich eine grundsätzliche Kritik an dem brasilianischen Gesellschaftsmodell, das eine zunehmende Zahl von Menschen ökonomisch an den Rand drängt. Die entstehenden Basisgemeinden, die CEBs (Comunidades Eclesiais de Base), wurden vielfach zu einem Ort der freien Meinungsäußerung, wo sich auch eine politische Opposition bilden konnte. In den 70er Jahren forderten die Kirchen, daß Brasilien ein ganzheitliches, am menschlichen Reichtum, an der Gerechtigkeit und der Lebensqualität orientierendes Entwicklungsmodell wählen solle. Die katholische Kirche unterstützte in aller Offenheit Streiks der Gewerkschaften, während sich das Augenmerk der IECLB mehr auf die innerbrasilianischen Wanderungsbewegungen der Kleinbauern und später auf die Auslandsverschuldung Brasiliens konzentrierte. In den 80er Jahren verlor die katholische Kirche im Zuge der beginnenden Demokratisierung allmählich ihre Vermittlerfunktion im Bereich der industriellen Arbeitswelt. Sie wird aber weiter als gesamtgesellschaftliches Gewissen in den industriellen Konflikten ihres Landes präsent bleiben.Die Außenseiter der Gesellschaft sind das Thema der Nationalen Bischofskonferenz für die Kampagne der Brüderlichkeit 1995.

Einig sind sich die katholische Kirche und die IECLB darin, daß eine Veränderung über den politischen Weg erreicht werden müsse.

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6.1. Evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB)

" Die Geschichte der IECLB beginnt im Jahre 1824 mit der Ankunft der ersten evangelischen Lutheraner aus Deutschland. Sie waren in ihrer Mehrheit Tagelöhner, Pächter, Landlose. Sie kamen nicht aus freiem und spontanen Willen. Sie wurden aus ihrer Heimat durch Hunger und Elend vertrieben und von der brasilianischen Regierung angeworben zum Zwecke der "Aufhellung der Rasse", der Besiedelung von Grenzgebieten und der schrittweisen Ersetzung der Handarbeit der Sklaven. Viele starben, Opfer einer grausamen Kolonisierungspolitik, die sie mißbrauchte und die es sogar erreichte, sie zu Mittätern der Unterdrückung und der Ausrottung der Indianer zu machen. Zu den Ausbeuteten von gestern, kommen die von heute hinzu, indem sie mit ihrem Leben und Wohlergehen für das, was man Fortschritt nennt, bezahlen.. ...Die IECLB bekennt sich gleichzeitig als Opfer und Mitverantwortliche zu dieser Realität. ...Das Lernen von Glaube, Liebe und Hoffnung ist eine der großen Notwendigkeiten auf unserem Kontinent. Die EKLB ist gerufen, missionarische Kirche zu sein, die dem Leben in allen seinen Dimensionen dient." Gottfried Brakemeier 1991.

Die ersten Gemeinden der IECLB in Brasilien entstanden 1824 im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Seit 1955 sind die bis dahin in Brasilien entstandenen Synoden formaljuristisch von der Evangelischen Kirche in Deutschland unabhängig. Sie schlossen sich 1968 zur IECLB zusammen, die sich in 8 Regionen, 48 Kirchendistrikte, 350 Pfarrbezirke und 2.115 Gemeinden mit 591 Pastoren (Stand: 1995) gliedert.

Heute hat die IECLB bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 156 Mio. etwa 1 Mio. Mitglieder. Diese sind besonders in den drei südlichen Bundesstaaten (Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul) konzentriert. 55 Prozent der Mitglieder der IECLB leben auf dem Land, 45 Prozent in der Stadt (allgemein beträgt dieses Verhältnis in Brasilien 30:70). Nachdem bis 1950 die Geistlichen fast ausschließlich aus Deutschland kamen, beträgt der Anteil an ausländischen Pfarrern heute nur noch etwa zehn Prozent. Die IECLB ist inzwischen zu einer brasilianischen Kirche geworden.

Noch vor 25 Jahren war die IECLB eine sozial relativ homogene Kirche, deren Glieder im wesentlichen Bauern, Handwerker und kleine Geschäftsleute waren, die mit ihrem Verdienst ein Auskommen hatten. Das ist heute anders, denn viele Bauern haben ihr Land verloren. Sie arbeiten als Pächter oder sind in die Städte abgewandert. Die Landgemeinden schrumpfen, die Stadtgemeinden nehmen zu. Für die Kirche bedeutet dies, daß sich ihr Aufgabengebiet ausdehnt, ohne daß sie neue Mitglieder dazugewinnt. Die einzelnen Gemeinden erhalten dadurch insgesamt weniger, auch finanzielle, Zuwendung. Darüber hinaus stellt sich das Problem einer immensen Wanderungsbewegung, die eine stetige und aufbauende Arbeit oft unmöglich macht.

Die IECLB legt großen Wert auf die Solidarität mit den Armen im Norden und Nordosten und in den neuen Siedlungsgebieten im Großraum des Amazonasgebietes. In den letzten Jahren standen besonders die Bereiche Indianer und Landpastoral im Vordergrund der Arbeit. 1984 hat die IECLB beschlossen, im Sinne der Schaffung von mehr Gerechtigkeit und der Beseitigung der Ursachen von Armut und Unterdrückung diejenigen Projekte zu bevorzugen, die strukturverändernde Ziele verfolgen. Dies setzt natürlich die Beteiligung der Bevölkerung an der Gestaltung und Durchführung der Projekte voraus, denn Projekte können nur Erfolg haben, wenn sie der Initiative der Zielgruppe entspringen und die Eigenverantwortung fördern.

Prioritäten sind heute Ökologie, Gesundheitswesen, Erziehung, städtische Realität und Volksbewegungen, und nicht zuletzt die Problemgruppe der älteren Menschen, da die staatliche Altersversorgung schlecht funktioniert. Prioritäten sind heute Ökologie, Gesundheitswesen, Erziehung, städtische Realität und Volksbewegungen, und nicht zuletzt die Problemgruppe der älteren Menschen, da die staatliche Altersversorgung schlecht funktioniert.

Entwicklungsdienst wird von den Kirchen nie als Dienst für die Armen, sondern stets als Dienst mit den Armen bzw. in Solidarität auf dem Wege ihrer Befreiung gesehen. Kirchliche Kontakte zu Regierungsstellen, zu den Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik, sowie gezielte öffentliche Äußerungen zur Sache sind deshalb wichtige Formen des Entwicklungsdienstes. Entwicklungsdienst wird von den Kirchen nie als Dienst für die Armen, sondern stets als Dienst mit den Armen bzw. in Solidarität auf dem Wege ihrer Befreiung gesehen. Kirchliche Kontakte zu Regierungsstellen, zu den Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik, sowie gezielte öffentliche Äußerungen zur Sache sind deshalb wichtige Formen des Entwicklungsdienstes.

Die Frauenarbeit der Kirche war bisher als Frauenhilfe in der "Oase" organisiert. 1995 ist ein "Forum der Frauen" ins Leben gerufen worden, das ein breiteres Spektrum von Frauen umfaßt und die Einrichtung eines Frauenreferates in die Wege leiten möchte. Seit mehreren Jahren ist an der theologischen Hochschule feministische Theologie obligatorisch.

Im Februar 1990 wurde Gottfried Brakemeier, Präsident der IECLB, in Curitiba als erster Lateinamerikaner zum Präsidenten des Lutherischer Weltbundes gewählt.

Zwischen der IECLB und der Evang. Luth. Kirche in Bayern besteht eine 1990 erneuerte Partnerschaftsvereinbarung . Zwischen den Kirchen, einzelnen Gruppen u. Organisationen gibt es einen lebendigen Austausch.

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6.2. Ökumene

Die Ökumene hat sich in Brasilien in den 80er Jahren zu einem lebendigen Bestandteil kirchlicher Aktivitäten entwickelt. Dies steht im Zusammenhang mit der Redemokratisierung und der verstärkten Teilnahme der Kirche am Leben des Volkes. Die Kirchen der verschiedenen Konfessionen wissen sich trotz ihrer Unterschiede dem Volk verpflichtet und versuchen, zur Verbesserung der Lebenssituation der Mehrheit der Brasilianer gemeinsam zu wirken.

Eine enge ökumenische Zusammenarbeit besteht in Brasilien zwischen der IECLB, der Katholischen Kirche, der Methodistischen Kirche, der Episkopalen Kirche und der Presbyterianischen Kirche im Nationalen Rat der Kirchen CONIC (Conselho Nacional de Ingrejas Cristâs).

Die Beteiligung am Prozeß der Demokratisierung und die Bearbeitung der Themen Auslandsverschuldung, Rassenvorurteile gegen Schwarze, Indianerfrage, Landreform, Gewalt auf dem Land, Diskriminierung der Frau u.a. führt die Kirchen zu konkreter Zusammenarbeit und gemeinsamer Stellungnahme. Die Landpastorale CPT zum Beispiel gehört zwar institutionell der Brasilianischen Bischofskonferenz CNBB an, doch sind Pfarrer der IECLB auch in Leitungspositionen vertreten.

Unter der Vielzahl ökumenischer, nicht kirchen-gebundener Organisationen ist die CESE (Coordenadoria Ecuménia de Serviço) als Organ der Kirchen eine Art diakonischer Arm für Entwicklungs- und Gemeinschaftsprojekte. Der Begriff "ökumenisch" überschreitet im Verständnis dieser Organisationen das Verhältnis zwischen den Kirchen und umfaßt alle Menschen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.

Angesichts der Tatsache, daß das Recht auf Nahrung für die Hälfte der Bevölkerung nicht verwirklicht wird, ist die Präsenz der Kirche ("Kirche bedeutet in diesem Zusammenhang die Teile der katholischen und lutherischen Kirche in Brasilien, die der Theologie der Befreiung verbunden sind".) an der Seite der Unterdrückten besonders wichtig. Angesichts des Hungers und der individuellen Unsicherheit haben sich katholische wie lutherische Kirche bemüht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Lösungen anzubieten. Kirchliche Aktivitäten allein können die Notlage nicht lösen, sie können aber den Menschen Mut machen, nicht passiv zu resignieren, sondern zu versuchen, ihr Schicksal zu verbessern. Der Einsatz für Gerechtigkeit und Partizipation an der Umgestaltung der Welt, wird eindeutig als eine fundamentale Aufgabe engagierter Kirche angesehen, eng mit ihrem missionarischen Auftrag verbunden. Die Kirche muß darauf drängen, daß der christliche Anspruch des Teilens angesichts der Millionen von Notleidenden in entsprechenden Gesetzen verankert wird.

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