GuaraniGuarani - Völker auf dem Weg 29 s/w Fotos von Paulo Porto Borges Fotos von Paulo Humberto Porto Borges
Die Guarani: ihr Weg und ihre Art Am Anfang des dritten Jahrtausends sind 500 Jahre seit dem Beginn der portugisieschen Conquista in Brasilien vergangen. Die unheilvollen Konsequenzen für die Indigenen sind dem kritischen Betrachter klar ersichtlich. Das Volk der Guarani war eines der ersten, das Kontakt mit den Kolonisatoren hatten. Die Geschichte dieses Volkes erfuhr durch die europäische Kolonisierung einen gravierenden Einschnitt. Wie damals werden die Guarani auch heute noch mit der ständigen Bedrohung der eigenen Gemeinschaft durch die moderne brasilianische Gesellschaft leben und überleben müssen. Dies zeigt sich in den verschiedensten Lebensbereichen wie z.B. der ständigen Einengung des eigenen Lebensraumes durch Staudammprojekte oder Siedler, dem Kampf für eine ausreichende gesundheitliche Versorgung, Bildung usw. Sie lassen sich nicht auf 500 Jahre Geschichte reduzieren! Die Guarani-Völker leben seit mindestens 2.500 Jahre im weiten Gebiet zwischen Amazonien und dem La Plata, zwischen dem Atlantischen Ozean und den Anden. Zurzeit der europäischen Eroberung wurde die Bevölkerung der Guarani auf etwa zwei Millionen Menschen geschätzt. In den Jahren des Kontaktes mit den europäischen Eroberern gerieten die Guarani an den Rand des demografischen Untergangs. Insbesondere für die Frauen war es eine verheerende Erfahrung, Nachkommen in solch erbärmlichen Lebensumständen zu haben, dass sie ihre eigenen Kinder töteten. Darüberhinaus begannen die Guarani zu rebellieren, wodurch die Ordnung der Kolonie in Gefahr geriet. Infolgedessen fehlten den Kolonisatoren mehr und mehr Arbeitskräfte, welche sie zur Ausbeutung des Landes brauchten. Dies führte zum Umdenken der Eroberer. Sie verzichteten zwar auf militärische Mittel zur Unterdrückung der Guarani, setzten aber darauf dass ausgesandte Missionare nun die Wilden durch religiöse Predigt gefügig machen sollten. Franziskaner und Jesuiten bauten damals die sogenannten reducoes auf. Das waren Missionsstationen in denen die Guarani zu leben gezwungen wurden. Durch die Arbeit der Missionare wurden die Gemüter der rebellierenden Indigenen besänftigt, für das Evangelium empfänglich gemacht und ihre Arbeitsmoral wieder erhöht, was sie für die Kolonisatoren wieder interessant machte. Die Missionierung wirkte sich trotz Abwesenheit der säkularen Kolonisatoren wie eine Herrschaft über die Indigenen aus. In den Missionsstationen wurden sie wirtschaftlich ausgebeutet, politisch unterworfen und verloren die Möglichkeit, weiterhin ihre eigene Identität zu waren. Konsequenzen Als Folge der 500-jährigen Unterdrückung überlebten nur vier der ehemals vierzehn Gruppen. Es sind dies die Chiriguano, die Paï-Tavyterä oder Kaiowá, die Chiripá oder Nhandewa und die Mbyá. Sie wurden von ihrem Land durch die Gewinnsucht und Profitgier der unrechtmäßig Herrschenden vertrieben und leben heute in begrenzten Reservaten, die ihnen der Staat zugewiesen hat. Dennoch zeigten die Guarani im Laufe der Jahrhunderte eine unübersehbare Kraft und den heroischen Willen zur Selbstbestimmung. Damit ermöglichen sie uns, andersartige Formen der Entwicklung sozialer, durchaus tragfähiger Strukturen als mögliche Alternative und Chance für alle zu bedenken. Unter den verschiedenen Beinamen der Guarani findet sich einer der Völker auf dem Weg heißt. In bedeutsamer Weise ist er für die von Paulo Porto porträtierten Mbyá-Guarani verwendbar. Von den 4 übrig gebliebenen Gruppen sind sie es, die buchstäblich auf dem Weg sind. Ihr Anlass, sich auf den Weg zu machen, ist eindeutig das Bedürfnis einen Ort zu finden, wo es ihnen möglich ist, ihre Art Guarani-Sein in Sicherheit zu leben. Der letzte Grund ihrer Pilgerwanderung ist aber die Suche nach dem Land ohne Übel. Als Opfer von Monomultur, Staudämmen und vom so genannten Fortschritt haben die Mbyá es vorgezogen, die Wälder am Paraná-Fluss zu verlassen und billige Arbeitskräfte auf den neuen Farmen zu werden. Das Auf-dem-Weg-Sein der Mbyá kann jedoch in der Zerstreuung konkrete Räume als Bezugspunkte nicht entbehren. Die von ihnen besetzten Orte gestalten die Mbyá mit viel Kreativität, entgegen den Behauptungen mancher Weißer, sie besäßen keine Kultur, weil sie ihre Tradition verloren hätten. Sie bepflanzen den Boden, organisieren Schulen, fordern Land ein, bauen Gebetshäuser, veröffentlichen ihre Musik auf CD, offenbaren der Welt ihre Lebensweise auf Fotografien, die die ernsten Züge ihrer schönen bronzefarbenen Gesichter zeigen. Selbstbewusst stellen sie sich der sie umgebenden Gesellschaft, demonstrieren mit Bestimmtheit, dass es die Mbyá mit ihren Eigenarten und besonderen Begabungen gibt und immer geben wird. So entstehen auf der Suche nach Verwirklichungsmöglichkeiten ihrer Träume konkrete Lebensräume, welche die Mbyá als vermittelnde Orte verstehen, nicht so vorläufig wie die Straße, aber auch nicht so endgültig wie das ersehnte Land ohne Übel. Basierend auf dieser ganzheitlichen Lebensgrundlage beschenken sie die Menschheit mit einem wunderbaren Zeugnis von der Kraft unserer Seele. Sie erinneren uns daran, mit der Liebe zum Leben, Mut und Fantasie unsere Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen und ein Lied anzustimmen... Paulo Porto Borges ist Doktorand der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der staatlichen Universität von Campinas. Seit neun Jahren arbeitet er im Bereich der Lehrerausbildung bei Indigenen Gruppen im Südosten Brasiliens sowie in den Bundesstaaten Sao Paulo und Rio de Janeiro. Er entwickelte unter anderem ein Projekt in dokumentarischer Fotografie für Indigene Gemeinden und kulturelle Minderheitsgruppen. Laut seinen Aussagen hinterläßt der Fotograf "Spuren auf seine Art", weil die Fotografie - sowie kein anderes Dokument - die Wirklichkeit nicht objektiv, sondern aus der Sicht des Fotografen darstellt. Im Gegensatz zu den schriftlichen Dokumenten ist das fotografische Portrait jedoch ein Beweis dafür, dass es das Dargestellte gibt oder gegeben hat. Beim Fotografieren drückt jeder Fotograf dem Bild seinen ideologischen Stempel auf und erzählt so seine Version. Zur Ausstellung "Leben braucht Land" bemerkte Paulo Porto Borges folgendes: "Diese Portraits spiegeln meine Sichtweise der indigenen Völker des Südens und Südostens von Brasilien wider, insbesondere des Volkes der Guarani. Sie stellen ein von 500 Jahren Kolonialherrschaft betroffenes Volk dar. Ich hoffe, dass die Bilder diesen Völkern gerecht werden, denn sie bleiben Indigen - mit Würde und Beharrlichkeit kulturell andersartig. Sie deuten wie ein Pfeil auf die Wichtigkeit der Verschiedenheit in einer immer stärker globalisierten Welt. Sie geben einen anderen Ton an, in einer von der weißen, christlichen, abendländischen Kultur eintönig beherrrschten Welt".
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