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Guarani - Völker auf dem Weg
Vor 500 Jahren sind die Portugiesen zum ersten mal in Brasilien eingefallen. Am 22. April 1500 ist Pedro Alvares Cabral mit einer Flotte portugiesischer Schiffe mit großen roten Kreuzen auf den Segeln im heutigen Bundesland Bahia angekommen. Seitdem hat sich in dem größten lateinamerikanischen Land eine Geschichte abgespielt, die von den oberen Zehntausend als Erfolgsgeschichte gefeiert wird, jedoch den noch überlebenden Indigenen Völkern in trauriger Erinnerung bleibt. Für sie war nämlich die Ankunft der Kolonialherren mit ihrer Religion keine gute Nachricht: von 981 verschiedenen indigenen Völkern und entsprechend vielen Sprachen überlebten bis heute nur 176; von ehemals etwa 5 Millionen indigenen Menschen leben heute nur noch 300 Tausend.
Ganz besonders hat es die Guarani getroffen. Von 14 Volksgruppen sind heute nur noch 4 übrig. Diese haben es geschafft im Wechselspiel von Widerstand und Anpassung 500 Jahre lang zu überleben, bis in eine Zeit hinein, in der kulturelle Verschiedenheit zunehmend als Reichtum der Menschheit wahrgenommen wird.
Allein die Aufgeschlossenheit für fremde Kulturen reicht jedoch nicht aus. Im Namen der Menschheit brauchen diese Minderheiten kein exotisches Interesse, sondern ganz konkrete Lebensgrundlagen. Leben braucht Land. Dieses Land muss unter der Berücksichtigung ihrer besonderen Kulturmerkmale für sie gesichert werden: es muss abgemessen, ausgewiesen und rechtlich abgesichert sein; es darf nicht mehr als Niemandsland von Holzfällern und Goldschürfern angesehen und ausgebeutet werden. Darüber hinaus muss der brasilianische Staat den Indigenen Völkern helfen, ihre ökologische Wirtschaft, Gesundheit und Erziehung wieder aufzubauen. Besonders die Guarani sind auf eine solche Unterstützung angewiesen, da sie durch die Vertreibung von ihrem ehemaligen Siedlungsgebieten in große Abhängigkeiten geraten sind. Gerade hier sind die Kirchen und zivilgesellschaftlichen Gruppen ein unersetzliches Gegenüber zum Staat.
Die Fotoausstellung "Leben braucht Land Guarani, Völker auf dem Weg" ist in der Zusammenarbeit des Kirchlichen Entwicklungsdienstes in Bayern, der Ökumenischen Werkstatt der Kurhessischen Landeskirche in Kassel und den Amigos do MST mit dem Indianermissionsrat der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien entstanden. Mit dieser Fotoausstellung wollen wir die Herausforderung der Indigenen Völker Brasiliens am Beispiel der Guarani in diesem 500. Gedenkjahr an Sie herantragen. Dieses Heft soll dazu dienen, etwas über die Geschichte, den Widerstand und die Theologie der Guarani zu erzählen. Wir möchten Sie dazu bewegen, sich mit ihrem Interesse, mit ihrer Zeit und mit ihren Mitteln für das Überleben der Indigenen Völker in Brasilien einzusetzen.
Kassel, 22. April 2000.
Hans Alfred Trein, Ökumenische Werkstatt
Die Guarani
Ihr Weg und ihre Art
Autorin: Graciella Chamorro
Die derzeitigen Guarani-Gruppen gehören dem Sprachstamm Tupi-Guarani an. Seit mindestens 2.500 Jahren hat sich dieser Sprachstamm aus dem früheren Tupi entfaltet, dessen Geschichte wiederum mindestens 5.000 Jahre umfasst. Die Guarani fallen oft unter die allgemeine Bezeichnung Amazonische Völker, womit man den Ursprungsort ihrer Vorfahren nennen will, Amazonien. Die Geschichte der Tupi hat den tropischen Regenwald als Schauplatz, während die der Guarani sich in den subtropischen Wäldern um die Flüsse Paraguay, Paraná und Uruguai abspielte. Die Geschichte dieser Völker ist also weit davon entfernt, sich lediglich auf die fünf Jahrhunderte der europäischen Kolonisierung Amerikas zu reduzieren. Wenn am Anfang dieses Textes nun zwei koloniale Symbole stehen, dann deswegen, weil dadurch gerade die unheilvollen Konsequenzen der Conquista auf die Guarani hervorgehoben werden sollen, während in der heutigen Zeit die Eroberung so oft nur mit einer Lobrede bedacht wird.
Unter dem Einschlag des Schwertes und des Kreuzes
Eine Vielzahl von indigenen Völkern bewohnte das weite Land zwischen Amazonien und La Plata, dem atlantischem Ozean und den Anden. Die als Guarani bezeichneten Volksgruppen waren von der spanischen und portugiesischen Eroberung und Kolonisierung am stärksten betroffen. Darin eingebunden befand sich das durch katholische Priester und Missionare Franziskaner und Jesuiten langfristig und systematisch durchgeführte Zivilisationsprojekt.
Zur Zeit der europäischen Eroberung wurden 14 Volksgruppen der Guarani-Völker kontaktiert. Diese hatten zwar sprachlich und kulturell die gleichen Wurzeln, besaßen aber auch bedeutende Unterschiede. Darum sind sie als sozial und territorial unabhängige Einheiten zu betrachten, die sich gegebenenfalls sogar feindlich gesinnt waren. Die ersten Völker, die Kontakt mit den Portugiesen hatten, waren die Carijó an der süd-atlantischen Küste, etwa auf der Höhe des heutigen Bundeslandes Santa Catarina im Süden Brasiliens und die Cário in der Gegend von Asunción, der heutigen Hauptstadt von Paraguay. Das ist auch der Grund, warum in Brasilien schon sehr lange in diesen Gebieten eine Bevölkerung europäischen Ursprungs vorherrscht. In Paraguay überwiegt dagegen eine Bevölkerung die zwar biologisch indigene Ahnen hat und sich dadurch von den Brasilianern unterscheidet, aber sich trotzdem fast ausschließlich mit dem europäischen Teil ihres Ursprungs identifiziert.
Drei Verbindungen
Die ersten Kontakte zwischen Europäern und Guarani waren durch drei Verbindungen geprägt: auf der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ebene.
Fremde Unterdrückung
Es dauerte nicht lange, bis die Guarani sich der wirklichen Absichten der Fremden bewußt wurden, und sich gegen ihre schon unrühmlich gewordenen Schwager erhoben. Diese hatten nämlich eine "eher despotische und tyrannische als eine politische und christliche Regierung" eingesetzt (MCA 1951: S. 163). Die Struktur der indigenen Institutionen lag binnen weniger Jahrzehnte am Boden. Die Bevölkerungszahl nahm dramatisch ab. Dieser Bevölkerungsschwund wurde durch Sklavenarbeit, Massaker, unkontrolliertem Einsatz von Verhütungsmitteln, Abtreibung, Kindermord und Selbstmord verursacht. Insbesondere für die Frauen wurde es zu einer grauenhaften Erfahrung, Nachkommen unter diesen beklagenswerten Umständen groß zu ziehen. Es kam soweit, daß sie ihre natürlichen Nachkommen umbrachten: "Viele erhängen sich selbst, andere gehen in den Tod weil sie sich weigern zu essen und andere trinken Extrakt giftiger Pflanzen (...) es gibt Mütter, die ihre Kinder gleich nach der Geburt töten, um sie von der leidvollen Arbeit ihres Volkes zu befreien" (Gandia 1939: S. 347).
Auf die freundlichen Gesten der Guarani antworteten die Fremden mit Undankbarkeit, Mißbrauch und Unterdrückung. Als später die unterdrückten Indigenen die Kolonisatoren nicht mehr als Schwager wollten, nahmen diese sich mit Gewalt die indigenen Frauen nicht nur als Sklavinnen und Ehefrauen, sondern verkauften oder tauschten sie gegen Waren ein.
Einer der ersten Guarani-Häuptlinge, der die bösen Absichten der Fremdlinge erahnte, war Aracaré. Sein Ziel war, genauso wie das der nachfolgenden Häuptlinge, die Christen aus dem Land der Guarani zu vertreiben. Die zunehmende Abwehrhaltung der zuerst kontaktierten Guarani-Gruppen zwang die Kolonisatoren mit anderen Guarani-Gruppen Kontakt aufzunehmen. Das Verfahren hatte System: kontaktieren, einfangen, ausbeuten, versklaven, neue kontaktieren, einfangen ... Nachdem die zuerst Unterworfenen der kolonisatorischen Gewinnsucht und Habgier zum Opfer gefallen waren, wurden sie durch neu Eingefangene ersetzt.
Encomienda
Im spanischen Kolonisationsgebiet gab es seit 1556 die encomienda, das Recht des encomendero über die menschliche Arbeitskraft auf den ihm zur Nutzung überlassenen Ländereien zu bestimmen. Unter dem Kommando des encomendero wurden Raubzüge in die indigenen Dörfer unternommen, um deren Bewohner einzufangen und als Landarbeiter, Teepflücker oder Haussklaven der kolonialen Wirtschaft zu unterwerfen.
Die Institutionalisierung der encomienda begünstigte in doppelter Weise die Kolonisatoren und benachteiligte in doppelter Weise die indigenen Völker. Sie hat nicht nur die Sklavenarbeit von Indigenen legalisiert und dadurch das traditionelle Familienleben zerstört, sondern auch den indigenen Völkern als Tausch einen symbolischen Wert angeboten, der für viele Guarani der Inbegriff des Bösen war - die christliche Religion.
In dieser Situation tauchten sehr viele Männer, Frauen und sogar Kinder auf, die "im Namen Gottes redeten" und die Kolonie in Unruhe versetzten. Der Geistliche Martin Gonzalez erklärte dies damit, dass die indigenen Völker kein absehbares Ende ihrer Arbeiten sahen (Cartas de Indias 1877: S. 626). Als nun der damalige Gouverneur von Paraguay diese Situation mit den sinnlosen Verlusten unter der indigenen Bevölkerung reflektierte, und sie waren so verheerend, daß sie die Kolonisierung selbst gefährdeten - wurde ihm klar, dass es mit dem Schwert nicht mehr weitergehen konnte aber dafür umso besser mit dem Kreuz. Darum "(...) verzichtete er auf militärische Mittel und setzte auf die Aussendung von Missionaren, damit diese nun die Wilden durch religiöse Predigt reduzierten" (Garay 1942: S. 55-56).
Die zugrundeliegende politische Intention war eindeutig: Die religiösen Orden sollten die rebellischen Gemüter unter den indigenen Völkern besänftigen; sie sollten ihnen die Bereitschaft für das Evangelium und für die Arbeit in der Kolonie einflößen. Die Missionare sollten in den Wäldern neue indigene Gruppen aufspüren, sie an einem Ort - die Reduktion - versammeln und ihnen das politische und menschliche Leben beibringen. Als wirtschaftliche Folge hatte die Mission die Verantwortung, zeitweise Sklavenarbeit für die Regionen bereitzustellen, in denen die Indigenen schon ausgestorben oder fast verschwunden waren.
Zufluchtsstätten
Allerdings wurde nicht nur in den spanischen Kolonisationssiedlungen mit den zivilisierten Indigenen der Missionare gerechnet, um die Lücken wieder auszufüllen, die durch Flucht oder Tod enstanden waren. Auch die portugiesischen Kolonialherren schauten gierig auf die versammelte, indigene Bevölkerung in den Reduktionen. Jahrzehntelang haben sie sich wie Raubtiere über die reduzierte Bevölkerung hergemacht, um die durch Sklavenarbeit zu Tode geschundenen Indigenen zu ersetzen.
Einerseits durch die Spanier und andererseits durch die Portugiesen bedrängt, fanden die Guarani trotz allem in den Reduktionen eine Art Zufluchtsstätte. Von dort aus erhofften sie sich, die Aktionen der Feinde zu verlangsamen, zu erschweren und vielleicht sogar zunichte zu machen.
Unter den Ordensleuten, die mit den Guarani arbeiteten, kritisierten vor allem die Jesuiten die Behandlung der indigenen Völker. Sie haben die auf ihnen lastende Ausbeutung angeprangert und deren Recht auf Befreiung aus diesem Zustand verteidigt. Sie behaupteten, dass die Versklavung der indigenen Völker die damals in Europa bekannten Unterdrückungen bei weitem übertraf. Unter den gegen die Guarani verübten Grausamkeiten haben sie die Arbeit in den Teewäldern herausgestrichen: "Es verletzt das Auge und bricht das Herz", schreibt Ruiz de Montoya, "die großen Knochenhaufen der indigenen Völker zu sehen, die in den Teewäldern an Hunger, an Durst, erschöpft am Gewicht ihrer Lasten zugrunde gegangen sind." (Ruiz de Montoya 1892: S.35-38).
In Anbetracht dieser Situation haben sich die Jesuiten dafür eingesetzt, dass die Gesetze zur Regulierung der Arbeit der Guarani eingehalten wurden. Auf diese Weise schafften sie es, ohne Vermittlung der säkularen Kolonialherren die von ihnen missionierten Guarani zu direkten Vassallen des Königs zu machen, was den Indigenen gewisse Grundrechte einbrachte.
Jedoch dienten die Reduktionen auch dem Projekt der spanischen Krone, die indigenen Völker der neuen Länder zu politischem und menschlichem Leben zu erziehen. Indem sie sie zur christlichen Religion bekehrten glaubten die Missionare, die Indigenen zu wahren Menschen zu machen. Die Folge davon war die Vermittlung einer neuen Wesensart, der damals für christlich und zivilisiert gehaltenen Wesensart.
Neue Kultur
In diesem Sinne hatte der Gouverneur von Paraguay recht. Das Kreuz hat das Schwert übertroffen. Das Ergebnis der spirituellen Conquista des sanften Kolonialismus übertraf bei weitem jenes der säkularen Kolonisierung. Die Reduktionen erreichten das Ziel, eine neue Kultur nach den Vorgaben der Krone zu schaffen. Die indigenen Völker hatten so zu leben wie es dem Verständnis der Kolonisatoren nach ein menschlich und politisch korrektes Leben war (Meliá 1997: S. 24).
Allerdings mußten die Jesuiten mehrere Jahrzehnte lang den indigenen Widerstand gegen die neue, aufgezwungene Wesensart in Kauf nehmen. Vor allem die indigenen religiösen Führer wurden zu Sprachrohren des Widerstands gegenüber den Priestern, die sie mit neuen Lehren von ihrer alten Lebensweise abbringen wollten.
Nachdem jedoch die Gründungsjahre der Reduktionen vergangen waren, und die Jesuiten ihre Effizienz in der geistlichen und weltlichen Führung gezeigt hatten, indem sie Medizin, Nutztiere, Pflanzen, Metallwerkzeuge und Instrumente einführten wurden die indigenen Propheten, einer nach dem anderen auf subtile Weise geschwächt assimiliert, entwurzelt und getötet, um sie dann durch die geistliche Führung der Missionare zu ersetzen.
Die Besonderheit der franziskanischen und jesuitischen Reduktionen bestand darin, dass sie die indigenen Völker kolonisierten und erreichten, daß sie eine neue Wesensart annahmen ohne eine biologische Vermischung zuzulassen. Es durften nämlich keine Spanier, Mestizen, Mulatten oder Schwarze in die Reduktionen oder unter die Indianervölker, die von den Priestern dieser Orden verwaltet wurden. Die Reduzierung der Guarani wirkte sich trotz Abwesenheit der säkularen Kolonisatoren wie eine Herrschaft über die Indigenen aus. Sie wurden ständig wirtschaftlich ausgebeutet, politisch vollkommen unterworfen und verloren die Möglichkeit, weiterhin ihre eigene Identität zu wahren.
Geknechtet auf dem eigenen Land
Durch die fortschreitende europäische Kolonisierung bedrängt, wurden die Guarani-Völker, die sich außerhalb der Reduktionen und des Aktionsbereiches der encomenderos und bandeirantes befand, nach und nach in die angrenzenden Wälder des Paraná-Flusses gedrängt. Dort blieben die Guarani verborgen und konnten deshalb überleben.Als jedoch durch den Krieg des Dreier-Bündnisses (Brasilien, Argentinien und Uruguay gegen Paraguay) von 1865 bis 1870 große Verwirrungen entstanden, haben die bis dahin relativ isoliert lebenden Volksgruppen mit einer Wiederbesetzung der früher schon von anderen Guarani-Gruppen bewohnten Territorien begonnen. Viele haben kleine Dörfer im brasilianischen Westen gegründet, während andere ins Zentrum des Landes und an die atlantische Küste wanderten, auf der Suche nach dem Land ohne Übel. Eine dieser Wanderungen wurde von dem deutschen Indigenisten Kurt Unkel begleitet. Von den Indigenen Nimuendaju getauft, hat er die Stiftungsrede dieser Bewegung aufgezeichnet:"Nanderuvusu ist auf die Erde gekommen und hat zu Guyrapotý gesprochen: Versucht zu tanzen! Die Erde will schlechter werden! Sie haben drei Jahre lang getanzt, als sie den Donner der Zerstörung hörten. Die Erde stürzte von Westen her ein. Und Guyrapotý sagte seinen Söhnen und Töchtern: Laßt uns gehen! Der Donner der Zerstörung macht uns Angst! Und sie wanderten, wanderten gen Osten, an den Meeresstrand. Und sie wanderten. Guyrapotýs Söhne und Töchter fragten: Wird hier nicht sofort die Ruine entstehen? - Nein, hier wird die Ruine erst in einem Jahr entstehen, sagen sie. Und seine Söhne und Töchter haben Pflanzungen angelegt" (Nimuendaju 1987: S. 155).
Solche Bewegungen wurden mit dem Vordringen der brasilianischen und paraguayischen Kolonisierung auf die den Paraná-Fluß umgebenden Wälder beträchtlich intensiviert. Der Weg, den die neuen Wegläufer zurücklegten, ging von Paraguay nach Argentinien, von da auf der Suche nach der atlantischen Küste nach Brasilien. Dort befinden sie sich heute in kleinen Gemeinden zerstreut, von Rio Grande do Sul bis Pará, auf Ländereien, die anderen ethnischen Gruppen gehören, in improvisierten Hütten am Straßenrand, auf Grundstücken, die von Kommunen zur Verfügung gestellt wurden oder auf Territorien, die von Umwelteinrichtungen verwaltet werden.
Gründe des Auszugs
Die Notwendigkeit einen Ort zu haben an dem sie sicher in ihrer früheren Wesensart leben können, scheint der Anlaß für ihre Wanderungen zu sein. Der größte Teil der Fotos der Ausstellung Leben braucht Land sind Aufnahmen der indigenen Völker, die auf dem Weg sind und sich selbst Mbyá-Guarani bezeichnen. Den letztendlichen Grund ihres Nomadentums sehen sie in der Suche nach dem Land ohne Übel. Räumlich liegt dieses Land ohne Übel in der Vorstellung der Mbyá-Guarani auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans. Die folgenden Lieder der Guarani handeln davon:
Che kyvy'i, che kyvy'i, ereo rire
Mein Brüderchen, mein Brüderchen, du bist verschwunden
Ejevy voi jaa aguä, ejevy voi jaa aguä
Komm bald zurück, komm bald zurück
Jaa mavy, jaa mavy joupive'i
Damit wir zusammen gehen, damit wir zusammen gehen
Para rovái jajerojy, para rovái jajerojy
Und Gott die Ehre geben auf der anderen Seite des Ozeans
(Lebendige Erinnerung der Guarani, Lied 4).
Ore ru, orembo'e katu ne amba roupity aguä
Vater Unser, lehre uns zu Deiner Wohnung zu gelangen
Ore ru, orembo'e katu ne amba roupity aguä
Vater Unser, lehre uns zu Deiner Wohnung zu gelangen
Ñañembo'e, ñañembo'e e'i
Lasst uns beten, lasst uns beten
Para rovái jajapyra aguä
Um auf die andere Seite des Ozeans überzusetzen
Para rovái jajapyra aguä
Um auf die andere Seite des Ozeans überzusetzen
Jajerory, jajerovy
Verehren wir Gott, verehren wir Gott
Japapyra aguä
Um auf die andere Seite des Ozeans überzusetzen.
(Lebendige Erinnerung der Guarani, Lied 8)
Ein anderer Grund für den indigenen Exodus liegt jedoch im Westen. Wenige Jahre nach dem Ende des Paraguay-Krieges hat die dortige Regierung dem schweizer Wissenschaftler Moses S. Bertoni (1857-1929) eine Fläche von 10.000 Hektar Urwald übereignet und damit einen Teil des von den Mbyá-Guarani bewohnten Gebiets in fremde Hände gegeben (Burri 1993: S. 28). In ähnlicher Weise haben andere Personen und Unternehmen große Grundbesitze in der Region erworben. Als Beispiel sei die La Industrial Paraguaya S.A. genannt, in deren Besitz sich eine Fläche von 3.502.727 Hektar befand, was 17 % der Landfläche im östlichen Teil Paraguays entspricht. Die Firma verwendete das Land um dort Mate-Tee anzubauen (Garlet 1997: S. 41).
Allerdings ist die gravierendste Ursache der derzeitigen Verstreuung der Guarani ohne Zweifel die Kolonisierung, die sich im Grenzgebiet zwischen Paraguay und Brasilien während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensivierte. Ein Kennzeichen der Besiedlung dieses Gebiets ist die Gewaltanwendung, mit der die Natur dem Fortschritt unterworfen und in ihren Dienst gestellt wurde. Der Anbau von Monokulturen verbreitete sich stark, in der Folge wurden zunehmend Wälder abgeholzt, anwohnende indigene Völker vertrieben oder als billige Landarbeiter in den neu entstehenden Farmen eingespannt, deren Besitzer meist Brasilianer sind.
Keine musterhafte Geschichte
Kurios und ironisch zugleich ist es festzustellen, dass zwar einerseits die im Süden und an der Küste umherziehenden Mbyá-Guarani von brasilianischen Staatsorganen für paraguayische Indianer gehalten werden, auf diese Weise wird versucht sich der Verantwortung für sie zu entledigen, aber auf der anderen Seite das von ihnen und ihren Vorfahren bewohnte Land in Paraguay sich überwiegend in Besitz der Stroessner-Brasilianer befindet. Weder Brasilien noch Paraguay haben in Betracht gezogen, dass sie sich mit der Besiedlung dieses Landes nicht nur für den Fortschritt verbündeten, sondern auch die Quelle der Ökonomie, der Gesellschaft und der Religion einer alten lokalen Kultur zerstörten.
Das Leben der in dieser Region als billige Arbeitskraft auf den Farmen zurückgebliebenen Mbyá-Guarani wird von Stefanie Burri als "eine keineswegs musterhafte Geschichte" kommentiert. Die Autorin beobachtet unter diesen Indigenen, die schon in der vierten Generation fast ausschließlich von der changa leben, sozialen und religiösen Zerfall, Individualismus, Einsamkeit und übermäßigen Alkoholkonsum (Burri 1993: S. 30).
Recht auf Land
Die Mbyá-Guarani sprechen vom yvy marae´ÿ als von einem Land, das für sie aufbewahrt wurde und das sie in Kürze erreichen werden. Ihre Suche nach diesem Land ohne Übel ist fälschlich als etwas utopisches, als ein Nicht-Ort interpretiert worden, als ob die indigenen Völker konkreten Raum entbehren könnten, wo sie sich entfalten und ihr Leben gestalten können.
Diese Interpretation beinhaltet eine gewisse Unverbindlichkeit mit der die Übermittler die Forderungen der Mbyá-Guarani gegenüber den Entscheidungsinstanzen des Staates vertreten. Wenn auf diese Weise weiter verhandelt wird und die derzeitige Situation nicht umgekehrt wird, gibt es für Garlet & Assis keine Zweifel, daß "der einzig übrige Raum für die Mbyá auf das Jenseits projiziert werden wird" (Garlet & Assis 1999: S. 10).Zum Teil wurde diese Haltung von den Indigenen selbst beeinflußt. Sie waren nämlich in der Vergangenheit gegen die Demarkation spezifischer Ländereien, weil sie das Recht auf individuelle Aneignung gemeinsamer Güter ablehnten und meinten, daß die Demarkation von Land sie zwingen könnte, sich dem brasilianischen Staat zu unterwerfen (Assis & Garlet, 1999, S. 11). In den letzten Jahren haben die Mbyá-Guarani jedoch das Recht auf eigenes Land für sich eingefordert, wie es in dem Lied 9 einer von ihnen aufgezeichneten CD besungen wird:
Peme'ë jevy, peme'ë jevy
Gebt zurück, gebt zurück
Ore yvy peraa va'ekue
Unser Land, das ihr uns genommen
Roiko'i aguä
Damit wir am Leben bleiben
(Lebendige Erinnerung der Guarani, Lied 9)
Der religiöse Hintergrund dieser Forderung ist die Überzeugung, daß man wie ein Guarani leben, jagen, pflanzen und feiern muß, um das Land ohne Übel zu erlangen. Dazu ist eigenes Land (tekoha) unentbehrlich, denn ohne, gibt es keine Möglichkeit zur Entfaltung der eigenen Kultur (teko).
Besonders die Lebenssituation der an den Straßenrändern lagernden Mbyá-Guarani ist sehr schwierig. Ihre Lager befinden sich entlang öffentlicher Straßen der Bundesländer Rio Grande do Sul und Santa Catarina. Darüber schreiben Garlet & Assis:
"Vorlieb nehmen sie für Orte, wo noch Waldstreifen oder irgendeine Rohstoffquelle für ihre Handarbeiten zu finden sind (...). Infolgedessen sind die abhängigen Familien (...) andauernd schreiendem Elend ausgesetzt: Sie hungern, es gibt eine hohe Krankheitsrate, es ist unmöglich, praktische kulturelle Aktivitäten wie religiöse Rituale beizubehalten und sie wohnen in ungesunden, mit Plastikplanen bedeckten Baracken" (Garlet & Assis 1999: S.13).
Indigene Gesundheit
Die Lage ist äußerst verzwickt. Die derzeitige Globalisierungsideologie überschattet auch das Überleben der indigenen Völker. Die Regierung zieht sich abwechselnd mit Untätigkeit und Verlangsamungstaktiken mehr und mehr aus der Verantwortung zur Demarkierung der indigenen Reservate. Das Leben der Guarani wird davon direkt negativ betroffen.
Ein Beispiel dafür sei aus dem Gesundheitsbereich angeführt: Die Leitlinien der 2. Nationalen Konferenz über indigene Gesundheit zeichneten die Umsetzung einer effizienten Gesundheitspolitik für die indigenen Völker Brasiliens vor. Aber bislang existieren sie nur auf dem Papier.
Am Beispiel Gesundheit kann man am besten den Unterschied zwischen der sogenannten westlichen Kultur und der indigenen Kultur veranschaulichen. Für letztere sind nämlich Gesundheit und Krankheit keine vom Ganzen unabhängige Angelegenheiten. Die Krankheit einer Person wird zwar als eine am menschlichen Körper erscheinende Gleichgewichtsstörung verstanden, ohne sich jedoch auf ihn zu beschränken. Die Krankheit weist auf die Gegenwart des Bösen in anderen Bereichen der Wirklichkeit hin. Nicht nur der Körper einer Person wird krank, sondern die Person als Ganze. Und eine Krankheit geht nicht nur die leidende Person an, sondern auch die Gemeinde und die Umgebung, der sie angehört.
Mit dieser Logik interpretieren die Guarani die über den Kontakt mit den Weißen erworbenen Krankheiten, gegen die ihre traditionelle Medizin keine Macht hat, als Symptome eines großen Übels, das das Gleichgewicht der Gesellschaft und des Ökosystems als Ganzes zu Fall bringt. Die Analogie ist augenscheinlich: So wie der Mensch erkrankt, erkrankt auch die Natur; und da die traditionellen Therapeuten den von den Weißen übertragenen Krankheiten nicht gewachsen sind, haben die Guarani keine andere Alternative, als auf die Schulmedizin zurückzugreifen, um das Übel am menschlichen Körper und am Körper Erde zu lindern (Garlet 1998: S. 4-5).
Der menschliche Körper kann sich nicht halten, wenn seine biologische Basis krank ist, wenn das Land knapp ist, wenn es keine günstigen natürlichen Lebensbedingungen gibt, wenn das wirtschaftliche und soziale System zerfallen ist. Die indigenen Völker erkennen wohl die Unzulänglichkeit ihrer traditionellen Medizin, um einige Krankheiten, wie Bronchitis, Lungenentzündung, Tuberkulose oder AIDS, zu heilen. Andererseits muß eine verantwortliche Politik im Bereich indigener Gesundheit den Wert indigener Therapie mit einbeziehen, respektieren und anerkennen, daß sie ein Beitrag zum menschlichen Wissen ist.
Ökologisches Ungleichgewicht
Ein weiteres wichtiges Problem, das den Anti-Indigenismus verdeutlicht, entsteht durch die Entwicklungspolitik auf den von Guarani bewohnten Ländereien: Die ökologische Gleichgewichtsstörung, die durch Entwaldung und durch Überschwemmung verursacht wird. Die Überschwemmungen stammen von Wasserkraftwerken, die in der Nähe oder innerhalb der Indianerreservate gebaut worden sind. Es sei lediglich das Größte der Welt erwähnt, Itaipu: der singende Stein! In den 70er Jahren gebaut ist Itaipu für die in dem Gebiet des Paraná Flusses lebenden Guarani eher der weinende Stein. Beweint und beklagt das Unglück derjenigen, die ihr traditionelles Wohngebiet verloren haben, die hilflos im Stich gelassen wurden. Der Quelle beraubt, die ihnen die materielle Überlebensbasis lieferte, waren die Guarani entweder gezwungen, auf den Farmen zu arbeiten, die sich damals in der Gegend ausbreiteten oder abzuwandern und sich auf die Suche nach einem günstigen Landstreifen, wo sie mit ihrer eigenen Kultur weiterleben konnten, zu begeben.
Auf die Geschichte dieser Guarani-Gruppen trifft das zu, was der Forscher Luigi Miraglia 1975 geschrieben hat, als der Kolonisierungsvormarsch auf die Wälder unumkehrbar erschien.
"Ein halbes Jahrhundert lang studiere ich schon die Ökologie dieser Gebiete, und ich kann vorhersagen: Wenn die Natur im selben Rhythmus der letzten Dekade weiter verändert wird, werden die Wasserfälle und Stromschnellen des Paraná Flusses in wenigen Jahren (...) in ruhige Seen verwandelt sein, und die ausgedehnten Wälder auf beiden Seiten des großen Flusses werden durch Pflanzungen ersetzt worden sein, dazwischen werden neue Städte enstehen. Dann kann dieses Werk für die Ethnographen, die durch die Straßen dieser Städte laufen, nützlich sein: es wird ihnen helfen zu verstehen, wie es an diesen selben Orten Wälder gab, wo (die Guarani) umherzogen." (Acción 1995: S. 19)
Heute bestätigt die Situation der Indigenen in diesem Gebiet durchaus die Prophezeiung von Miraglia. Das Land ist verwüstet, in den Städten ersetzen imposante Gebäude heimische Bäume. Brasilianer, Paraguayer und Argentinier sind stolz auf den Fortschritt der Region und versuchen die indigenen Völker zu ignorieren. Diese ziehen schweigsam auf den Straßen umher mit ihren Körben, ihren Skulpturen und den Kindern, mit denen Gott ihre Hoffnung vermehrt. Darüber sagte ein religiöser Führer der Gruppe:
"Die Kinder sind wie die Samen der Pflanzen. Wie diese brauchen jene Fürsorge, um glücklich zu sein und dieselbe Freude zu erleben, die die Reisfelder spüren, wenn sie vom Wind geküßt werden. Solange Kinder in dieser Welt wachsen, wird es Hoffnung geben. Wenn es nicht so wäre, könnte man Mais pflanzen, aber dieser würde keine Frucht bringen, die Frauen würden schwanger werden ohne jemals zu gebären, unsere Wünsche wären nicht mehr so stark, daß sie einmal tatsächlich geschehen. Ohne Kinder geht die Welt unter." (Chamorro 1988: S. 182-183)
Völker im Aussterben?
Für die offizielle Geschichte der Länder, in denen sie sich befinden sind die Guarani im Grunde genommen, nichts weiter als Völker, die bald nicht mehr existieren werden.
Trotz des seit fünf Jahrhunderten andauernden Imperialismus, Kolonialismus und Reduktionismus berwirken die übrig gebliebenen Guarani-Gruppen ein anderes historisches Verständnis als die offizielle Geschichtsschreibung der Länder, in denen sie sich heutzutage befinden: Bolivien, Paraguay, Argentinien und Brasilien. In der Bewertung von Meliá geben sie damit "ein Beispiel und einen Impuls für erneuerte Gesinnungen eines gelassenen und stillen Heroismus." (Meliá 1997: S. 36)
Von den vierzehn im 16. und 17. Jahrhundert kontaktierten Völkern sind zehn verschwunden. Die vier überlebenden Völker sind die Chiriguano, die Paï-Tavyterä (oder Kaiová), die Chiripá (oder Nhandeva) und die Mbyá. Mit Ausnahme der Chiriguano von Bolivien ist der größte Teil der heutigen Guarani in überbevölkerten Reservaten oder in kleinen Dörfern unter dem Schutz des Staates eingesperrt, außer den schon erwähnten Mbyá, die an den Straßen- und Stadträndern lagern.
Um "schöne Worte" zu erreichen
Trotz der berichteten Bedingungen demonstrierten die Guarani im Laufe der Jahrhunderte ihren Willen zur Selbstbestimmung ihrer eigenen Lebensart. Ihre Religion ist der beste Ausdruck ihres Existenzwillens. In ihr haben sie nicht nur ihre Erfahrungen und ihre Niederlagen zusammengefaßt "sondern auch das gelassene und frohe Bewußtsein, ein Gut zu haben, das sich Tag für Tag verewigt und ihnen ständig ihre Zukunft ins Gedächtnis ruft." (Melià 1997: S. 36)
Für die Guarani ist ihre Religion das zentrale Mittel ihrer Selbstbehauptung gegenüber der westlichen Gesellschaft. Die Religion ist eine Ausdrucksform, ihre Wesensart beizubehalten und nicht zu identitätslosen Staatsbürgern reduziert zu werden. In dieser Religion nimmt das Wort die zentrale Stelle ein. Es ist das Existenz-Konzept, das das indigene Selbst- und Existenzverständnis erklärt.
Für die Guarani existierte am Anfang das Wort, bevor sich irgend ein Lebewesen bildete: "Bevor die Erde existierte inmitten der erstgeborenen Finsternis, bevor man überhaupt etwas wissen konnte hat er das geschaffen, was zum Fundament der menschlichen Sprache wurde." (Cadogan 1959: S. 19-20). Die Menschen stammen von diesem fundamentalen Wort ab. Sie wurden durch das Wort und in dem Wort gebildet, durch die göttliche Substanz und in der göttlichen Substanz gegründet.
"Unser Vater hat das Fundament der menschlichen Sprache geschaffen und sie zu einem Teil seiner eigenen Göttlichkeit gemacht (...) in der Weisheit seiner eigenen Göttlichkeit tiefer Überlegung und kraft seiner kreativen Weisheit hat er diejenigen erschaffen, die Gesellen und Gefährtinnen seiner Göttlichkeit sein sollten." (Cadogan 1959: S. 19, 21).
Fleischwerdung des Wortes
Für die Guarani ist jede Person eine Fleischwerdung des Wortes. Bei der Geburt sorgt das Wort für einen eigenständigen Platz im Körper des neuen Wesens. Während der Taufe des Kindes offenbart der Schamane dessen Namen und gibt damit die offizielle Aufnahme des neuen Wortes in der Gemeinde bekannt. Die Krisen im Leben werden als eine Trennung zwischen der Person und ihres Namens verstanden, ihrer Wort-Seele; diese entfernt sich von der Person und verursacht psychischen Zerfall und physische Krankheiten. Die Therapie besteht folglich darin, das Wort in die Person zurückzugeleiten oder wieder festzusetzen, um ihr somit die Gesundheit und die Integrität zurückzugeben. Deswegen betet der Guarani- Therapeut vor einer kranken Person: "(...) Sende deine Söhne, die das Reden vor der Erde wieder gut machen; gib, dass sie ihr Flehen in unserem Geist erhören und dass dadurch eine Erlösung des Redens bewirkt werde. So gewähre mir die Größe des Herzens die sich niemals entzweit." (Cadogan 1992: S. 164-167)
Wenn aber das Wort letztendlich keinen Sitz mehr in der Person findet, dann stirbt es und wird ein ungegliedertes, undeutliches Wort. Vor dem Tod jedoch streben die Guarani zur Vollkommenheit zu gelangen, die Größe des Herzens zu erreichen. Das ergibt sich aus der Anwendung der Tugend, die im Wort verwurzelt liegt: die Gegenseitigkeit. Das ganze soziale System ist auf diese Tugend ausgerichtet, und diese strukturiert wiederum das Ideal der menschlichen Person. Die Ausdrücke die die Suche und die Umsetzung dieses Ideals erläutern sind: die Gerechtigkeit, die guten Worte, die gerechten Worte, die gegenseitige Liebe, der Eifer, der Friede, die Gelassenheit, das reine Herz. Einige dieser Ausdrücke werden im Gebet von Paulito Aquino, einem religiösen Führer der Guarani, angesprochen und hervorgehoben.
Che ru ojoete emboro'y, embohory yvy
Mein Vater, unser gegenseitiger Körper erkältet, erfreut die Erde,
Che ru oñone'e emboro'y, embry yvyoho
unsere gegenseitige Rede erkältet, erfreut die Erde,
Che ru(a) piraguái emboro'y embohory yvy
die Kühnheit-Gewalt erkältet, erfreut die Erde,
Che ru(a) ataguái emboro'y, embohory yvy
was Feuer fängt erkältet, erfreut die Erde,
Che ru oñoñe'e (a)guapy káva emboro'y embohory yvy
Der Ort, wo unser gemeinsames Reden ruht erkältet, erfreut die Erde,
Che ru oñoño'e (a)tataguái emboro'y embohory yvy
die gegenseitige Rede, die in Flammen aufgeht, erkältet, erfreut die Erde,
Che ru oñoñe'e (a)karai (a)piraguái emboro'y embohory yvy
das gegenseitige Blut unseres Wortes erkältet, erfreut die Erde,
Che ru oñoñe'e (a)karai atataguái emboro'y, embohory yvy
die Flamme unseres gegenseitigen Wortes erkältet, erfreut die Erde,
Che ru oñoñe'e (a)guapykáva emboro'y, embohory yvy
der Ort, wo unser gegenseitiges Wort sitzt, erkältet, erfreut die Erde,
Papa tapia rete marangatu
Und unser Körper wird immer etwas gutes zu erzählen haben.
(Chamorro 1998: S. 151)
Liebe zum Leben
Traditionell war die Vollkommenheit des Wortes der Höhepunkt einer Reihe von Vervollkommnungen, die sich in einer Gemeinschaft die auf Gegenseitigkeit basierte, ergaben. Das Ziel, die Vollkommenheit zu erreichen spaltet sich in die Aufgaben auf ein guter Landwirt zu werden, die persönliche Vollkommenheit zu erreichen und die Erde zu vervollkommnen. Weil jedoch heute viele Gemeinden kein eigenes Land besitzen, wird es für die Guarani zunehmend schwieriger, die Vollkommenheit zu erreichen; sie haben einfach keinen angemessenen territorialen Raum für ihre ökonomische Produktion.
Selbst wenn die Guarani in ihre ehemaligen Territorien zurückkehren werden sie wie Eindringlinge behandelt, ganz so als wäre es niemals ihr Land gewesen. So wird ihnen jedesmal bewußt, daß es nicht mehr möglich ist, das Land ohne Übel zu finden! Sie fühlen sich ohnmächtig, nicht in der Lage die Erde zu vervollkommnen! Das Land, in dem sie in ihrer traditionellen Weise leben könnten, gibt es definitiv nicht mehr!
"Wohin gehen? Wie im Osten, so auch im Westen dieselbe Verwüstung, dieselbe Umzingelung (...) Die Wälder und Berge sind verschwunden. Alles verwandelt sich in Weide. Die ganze Erde hat sich in Übel verwandelt." (Melià 1989: S. 346)
Vom Übel umgeben scheint das Leben der Guarani einem ständigem Auf und Ab unterworfen zu sein. Nur an einem anderen Ort und in der Zukunft werden sie ihre unbegrenzte Möglichkeit des Seins verwirklichen können. Nur wenn jemand erfolgreich die Hürden der Existenz überwindet, wird sich in ihm die Verwandtschaft mit dem Vater verwirklichen. Die Guarani waren jedoch schon Opfer dieses Optimismus, mit dem sie ihre eigene Erlösung auf sich nehmen. Sie wurden von einer Besessenheit vereinnahmt, die sie in Krisenmomenten zur ausweglosen Entfremdung von dieser Welt führte.
Hoffnungslosigkeit ist jedoch nicht ihre vorherrschende Haltung. Wenn die Guarani von den Weißen hören, dass sie keine Kultur mehr hätten, weil sie keine Tradition mehr pflegten, reagieren sie darauf, indem sie deutlich machen, dass ihr Volk noch existiert und auch in Zukunft existieren wird. Das demonstrieren sie der Welt mit der Veröffentlichung ihrer Musik auf einer CD mit dem Titel Memória Viva Guarani (Lebendige Erinnerung der Guarani). Selbst von dem Übel ohne Land bedroht geben sie ein schönes Zeugnis der Liebe zum Leben und zeigen, dass es sich lohnt die Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen und ein Lied anzustimmen!
Lokale Kulturen und Globalisierung:
das Schicksal der Schmetterlinge
Im Kontext der heutigen Globalisierung muss die Tatsache bewußt werden, dass Ungleichheit das Kennzeichen des Kontaktes zwischen den traditionellen Kulturen und der sie umgebenden Gesellschaft ist. Den Vorurteilen von Personen und Institutionen ihrer Nachbarschaft ausgesetzt, verhalten sich die Guarani in einigen Fällen opportunistisch, z. B. wie Zivilisierte, Katholiken oder Evangelikalen, um sich somit für diejenigen unsichtbar zu machen, die sich andernfalls entweder über sie lustig machen oder sie bekehren wollen.
Die staatlichen Schulen innerhalb der indigenen Gemeinden sind ein gutes Beispiel für den fortwährenden Anti-Indigenismus der Behörden. In der Regel bieten sie lediglich den üblichen Unterricht überwiegend in portugiesischer Sprache an. Die Indigenen akzeptieren diese Schulen als eine Schnittstelle ihrer eigenen Kultur und der allgemeinen gesellschaftlichen Kultur, die durch die Schulen repräsentiert wird. Das indigene Wissen ist in diesem Fall nicht auf die Schule angewiesen um sich zu erhalten, da es im tagtäglichen Ablauf und in den Ritualen der Gemeinschaft erneuert und gefestigt wird. In solch einer Beziehung besteht die Asymetrie darin, dass der Staat davon ausgeht, die indigenen Gesellschaften hätten keine Erziehung, wenn sie nicht an der staatlichen Erziehung teilnehmen.
Diese Situation wurde jedoch von einigen Dörfern umgedreht. Einige reagierten radikal indem sie den Betrieb der staatlichen Schulen verhinderten; andere nahmen die schulische Erziehung an, sofern die Integrität und Autonomie der Gruppe gewährleistet wurden. Ein interessantes Beispiel läuft derzeit im Dorf Sapukaí in Angra dos Reis, Rio de Janeiro. Dort baut die Gemeinde ihre eigene Schule nach ihren Interessen und Bedürfnissen auf. Es wird in der Sprache der Volksgruppe unterrichtet und der Unterricht ist Aufgabe indigener Lehrer. Einige haben mit dem Fotografen Paulo Porto Borges einen Fotografiekurs gemacht und porträtierten sich selbst - und zwar in der von ihnen erwählten Perspektive.
Wird vorausgesetzt, dass eine Ethnie nur fortbestehen kann, wenn die Volksgruppe fähig ist, sich symbolisch von ihrer Umgebung abzugrenzen, dann ist zu hoffen, dass die Guarani, auch weiterhin ihre kulturelle Eigenständigkeit in Bezug auf ihre Nachbarn beibehalten und diese ständig erneuern.
Obwohl die Indigenen fähig sind, sich kritisch mit der sie umgebenden Gesellschaft auseinanderzusetzen, ist zu befürchten, dass diese Fähigkeit zu der falschen Überzeugung führt, die Globalisierung stelle für sie kein Risiko dar. Es darf nicht vergessen werden, dass der intensivere Kontakt der Guarani-Gruppen mit der umgebenden Gesellschaft erst 50 Jahre dauert und dass noch keine umfassende Untersuchung erfolgt ist, was sie in dieser Zeitspanne verloren haben.
Eine aufmerksame Betrachtung der neuen Situationen, die der intensivere Kontakt ihnen aufzwang, wird vermutlich zeigen, dass die indigene Religion einige unheilvolle Konsequenzen des Kontakts mit der abendländischen Kultur und mit dem Christentum nicht verarbeiten konnte.
Einleitung des Dialogs
Aus ethischer Perspektive kann als Ergebnis der Globalisierung nicht eine Tendenz zur Homogenisierung der Völker des Planeten stehen. Es kann nicht angehen, dass der Leviathan (abendländische Kultur) die Schmetterlinge (überlieferte und lokalen Kulturen) verschlingt. In einer interkulturellen, theologischen Perspektive muß die Globalisierung die Gelegenheit für eine Aufwertung der Besonderheiten und die Einleitung eines Dialogs unter den Völkern hervorbringen. Hören wir dazu die Stimme eines Mbyá-Guarani von der Küste: "Jede Tradition, jeder Brauch, sei es der Guarani oder anderer Völker, sei es der Weißen, hat ihren Wert. Weil Gott hat für jede Nation, für jede Ethnie, für jedes Volk, für jedes Land geschaffen. (...) Jeder Brauch (...) ist ein Reichtum, den man hat." (Memória Viva Guarani).
Widersprüchlicherweise war es gerade die Kirche, die wie ein Fangarm der Welt, die sogenannte abendländische Kultur als einzige und wahrhaftige Form Mensch und Christ zu sein vorstellte. Im Zusammenstoß zwischen den Agenten der christlichen Religion und der Guarani-Schamanen kritisierten die Indigenen jene sich selbst zugesprochene und für alle gültig erklärte Universalität des abendländischen Christentums auf das Schärfste. Sie waren Hauptdarsteller von paradigmatischen historischen Ereignissen, um die Unfähigkeit der Christen für den interreligiösen Dialog in Lateinamerika zu verstehen.
Mit dem Versuch eines offenen Wortes haben die Guarani christliche Riten und Symbole in ihr System integriert und begannen, sich mit den Missionaren zu identifizieren. Als dieses Wort nun verarbeitet und mit neuem Sinn angereichert an die Christen zurückkehrte, haben diese es radikal abgelehnt; sie haben die Stimme des Überbringers ausgemerzt und diejenigen getötet, die sich anmaßten, Subjekte des Redens zu sein. So kehrte das Schweigen wieder ein, so wurde zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, von da an setzte sich die christliche Sprache durch. Hier geht es um das Ethos des christlichen Monotheismus, der alles was regional war universalistisch überrollte. Eine politisch kulturelle Weltanschauung wird globalisiert und lokale, kulturelle Erfahrungen damit ausgelöscht.
Heute noch verhält sich die christliche Mission katholischer oder evangelischer Tradition unter den Guarani so, dass sie die Indigenen christianisieren wollen, indem sie sie von vornherein als Ungläubige behandeln. Für diese Missionen sind die Indigenen keine Subjekte weder des Wortes noch des Glaubens. Sie räumen den Indigenen nicht ein, dass sie ein religiöses Leben führen und dass ihr Glaube das Fundament ist, auf dem sie ihre Vision für die Welt und die Menschen aufbauen. Indem die Missionen diese Qualitäten nicht anerkennen "reduzieren sie sich selbst zu Schulen des Aberglaubens, denn sie predigen nicht das Christentum, sondern abergläubische Gesten einer Kultur, die sich ohne Recht christlich nennt." (Melià 1997)
Wiederherstellung der Indigenen Würde
Im Gegensatz dazu sollte eine christliche Mission unter indigenen Völkern einen wiederherstellenden Charakter haben. In Zeiten menschenverachtender Globalisierung, die die seit 500 Jahren in Amerika laufenden volksmörderischen Prozesse noch beschleunigt, bedeutet das, die Indigenen in der Erhaltung ihrer Würde zu unterstützen. Sie brauchen Selbstvertrauen, um auf gleicher Ebene einen kulturellen, politischen und religiösen Dialog mit Menschen anderer Kontinente und der eigenen Länder zu führen. Mit anderen Worten, christliche Mission heißt, sich gegen jene Prozesse zu engagieren, die den Guarani ihre kulturelle, politische und religiöse Eigenheiten nehmen. Christliche Mission heißt, mit ihnen für die Wiedergewinnung des Landes zu kämpfen, wo es ihnen möglich ist in Frieden und Freiheit zu leben, so wie sie es heute ihrem Wesen nach für gut halten.
Die Guarani tun schon die ersten Schritte, um den Folgen der globalisierten Welt entgegen zu treten. "Das Leben ohne Grenzen, das als ein politischer Gedanke von großen Verfassungsexperten ausgearbeitet und von Mitgliedern nicht weniger Länder - wenn auch schüchtern praktiziert wird, ist etwas, was die Guarani mit größter Natürlichkeit leben, ohne Widersprüche und ohne Probleme für die Staaten, in deren Territorien sie sich aufhalten." (Melià 1997: S.46)
Diese Natürlichkeit, mit der die Guarani Grenzen überschreiten und sich mit Guarani-Gruppen anderer Staaten und selbst mit der umgebenden Gesellschaft in Beziehung setzen, ist eine Einladung, dass die von ihnen bewohnten Staaten sie als Völker unterschiedlicher Kulturen anerkennen, die nicht nur die Staaten in denen sie leben bereichern und verschönern, sondern die ganze Welt.
"Einzigartig und verblüffend ist das Schicksal eines Volkes wie das der Guarani! An den Rand gedrängt und als Randgestalten zwingen sie uns, ohne Grenzen zu denken. Für Parteilichkeiten gehalten fordern sie die Totalität des Systems heraus. Reduziert klagen sie jeden Tag Freiräume ohne Grenzen ein. Als Kleine fordern sie mit Größe bedacht zu werden. Sie sind jene Primitive, deren Schwerkraftzentrum schon in der Zukunft liegt. Minderheiten, die auf dem größten Teil der Welt gegenwärtig sind." (Melià, 1997, S. 50)
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Impressum
Leben braucht Land
Guarani - Völker auf dem Weg
Orginaltext: Graciella Chamorro: "Os Guarani: sua trajetória e seu modo de ser",Cadernos do Comin 8, Agosto 1999.
Übersetzung: Hans Trein
Textbearbeitung: Harald Fuchs, Tobias Leitmann
Herausgeber: Amigos do MST GbR
c/o Tobias Leitmann
Fallrohrstr. 38
90480 Nürnberg
Telefon: 0911-9405620
Telefax: 0911-9405621
Anmerkungen
Anmerkung des Übersetzers: "reduzieren" bedeutet im Zusammenhang mit indigenen Völkern während der Kolonialperiode soviel wie: auf verkleinertem Raum versammeln und beschützen, befrieden und zivilisieren (im Sinne der Anpassung an die europäische Kultur), durchaus auch sinnbildlich "klein kriegen", in das Gesellschaftsmodell der Kolonialherren eingliedern. Die "Reduktionen" sind vergleichbar mit den Nordamerikanischen Reservaten.
Anmerkung des Übersetzers: Bandeirantes (Fahnenträger) sind die Mitglieder von Eroberungsexpeditionen.