Länderheft O Brasil[ Blick hinter die Kulissen ] [ "Entdeckung" der Neuen Welt ] [ Die Einwandererkirche ] [ Geld oder Leben und Antworten der Kirche ] [ Entwicklungsplan Amazonien ] [ Menschen im Urwald ] [ Der Anfang vom Ende ] [ Convivencia ] [ Anhang zur Ausstellung ] Anhang zur AusstellungManifest zur Verteidigung des Amazonasgebietes São Paulo-"Aufruf zur gehorsamen Nachfolge" Das Sklavenschiff (Heinrich Heine) Vier Gedichte von Carlos Drummond de Andrade Trauerlied der Mutter Natur (Janjão) Partnerschaftsvereinbarung zwischen der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern über die Fortsetzung ihrer Zusammenarbeit § 1 (1) Im Bewußtsein ihrer langjährigen Verbundenheit wollen sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (im folgenden Vereinbarungspartner genannt) weiterhin durch möglichst intensive Zusammenarbeit gegenseitig fördern. (2) Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern handelt als Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland im Rahmen der durch das "Kirchengesetz über das Verhältnis der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihrer Gliedkirchen zu evangelischen Kirchengemeinschaften und Gemeinden, Pfarrern und Gemeindegliedern deutscher Herkunft außerhalb Deutschlands (AuslG) vom 18. 3. 1954" geregelten Beziehungen. Die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien ist mit der Evangelischen Kirche in Deutschland durch den Vertrag vom 21. 10./20. bzw. 30. 11. 1978 verbunden. Daher erfolgt die Zusammenarbeit der Vereinbarungspartner nach den Bestimmungen des genannten Kirchengesetzes vom 18. 3. 1954, insbesondere seines § 16, und im Rahmen des genannten Vertrages zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien im Zusammenwirken mit der Hauptabteilung III des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland. (3) Als Gliedkirche der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands handelt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern darüber hinaus im Benehmen mit den zuständigen Stellen der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. (4) Die Vereinbarungspartner sind als Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes miteinander verbunden. Sie informieren daher die zuständigen Stellen des Lutherischen Weltbundes über wichtige Vorgänge ihrer Zusammenarbeit. (5) Beide Vereinbarungspartner gehören dem Ökumenischen Rat der Kirchen an. Daher wird er über diese Vereinbarung unterrichtet. § 2 (1) Zur Verwirklichung des Vertragszweckes wird die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern weiterhin im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten auf Ansuchen Pfarrer, Pfarramtskandidaten und andere kirchliche Mitarbeiter zum Dienst in der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien freistellen. (2) Ebenso ist die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien bereit, nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten und auf Ansuchen, Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter zum Dienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern freizustellen. Bei der Freistellung von Pfarrern finden die "Empfehlungen für Regelungen des Dienstes von Pfarrern aus Lateinamerika in der Evangelischen Kirche in Deutschland", von 1985, Beachtung. (3) Die Vermittlung und Entsendung der genannten Pfarrer und Mitarbeiter erfolgt durch die Hauptabteilung III des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das Nähere ist durch das Verwaltungsabkommen zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern vom 25. 6. 1980 geregelt. § 3 Die Vereinbarungspartner pflegen die geistliche Gemeinschaft und seelsorgerische Verbindung zu den von ihnen zum Dienst in der Partnerkirche freigestellten kirchlichen Mitarbeitern unter Berücksichtigung der geltenden Ordnung der jeweiligen Kirche. Sie unterrichten diese Mitarbeiter über ihre theologische und kirchliche Arbeit und vermitteln ihnen kirchliche Nachrichten. § 4 Die Vereinbarungspartner sind sich auch in den Bemühungen einig, ihren Mitarbeitern nach ordnungsgemäßer Rückkehr vom Dienst in der Partnerkirche bei sich vor allem im ersten Jahr nach der Rückkehr Erleichterungen im Hinblick auf die Ausübung ihres Dienstes zu gewähren. § 5 Die Vereinbarungspartner informieren sich gegenseitig über wichtige Vorgänge ihres kirchlichen Lebens durch Austausch von Berichten, Protokollen und Veröffentlichungen. Der Pflege kirchlicher Verbundenheit dienen Einladungen und Besuche. § 6 (1) Ein besonderes Anliegen der Vereinbarungspartner ist die Förderung der missionarischen Dienste der Kirche. (2) Daher wird die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Missionsarbeit, insbesondere die Mission in Neugebieten, für die Ausbildung von Gemeindemitarbeitern und für den Gemeindeaufbau der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien, auf deren Ansuchen, entsprechend ausgebildete Mitarbeiter und finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. (3) Die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien ist ihrerseits bereit, dazu zu helfen, daß die in der kirchlichen Situation Lateinamerikas gewonnenen missionarischen Erfahrungen und missionstheologischen Erkenntnisse bei den Bemühungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern um neue Wege der Evangelisation und des missionarischen Gemeindeaufbaues eingebracht werden können. (4) Die Vereinbarungspartner informieren sich gegenseitig über den Fortgang ihrer missionarisch-evangelistischen Dienste. § 7 (1) Diese Vereinbarung tritt an die Stelle der mit dem 24. Juni 1990 auslaufenden Vereinbarung vom 25. Juni 1980. Sie wird wieder auf 10 Jahre geschlossen. Unbeschadet dessen kann jeder Vereinbarungspartner jederzeit ihre Überprüfung verlangen oder sie aus wichtigem Grunde mit einer Kündigungsfrist von einem Jahr jeweils zum Ende eines Kalenderjahres kündigen. (2) Im Falle einer Kündigung werden die Vereinbarungspartner alsbald in erneute Verhandlungen über den Abschluß einer den dann vorhandenen tatsächlichen und rechtlichen Verhältnissen entsprechenden neuen Vereinbarung eintreten. Curitiba, den 3. Februar 1990 Dr. G. Brakemeier D. Dr. J. Hanselmann Präsident Landesbischof der Igreja Evangélica de der Evangelisch-Lutherischen Confissao Luterana no Brasil Kirche in Bayern Manifest zur Verteidigung des Amazonasgebietes Die 16. Generalsynode der Ev. Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien, die vom 18.-23. Oktober 1988 in Brusque, Santa Catarina, tagte, verabschiedete einstimmig eine Stellungnahme, die vom Rat der Kirche vorgelegt wurde. Die Stellungnahme hat folgenden Wortlaut: "Im Jahr 1988 gab es im Amazonasgebiet die bisher größten Brandrodungen seiner Geschichte. Laut Schätzungen ist eine Fläche, größer als die des Bundesstaates São Paulo mit 247.000 km2, niedergebrannt worden. Hierbei handelt es sich nicht um sogenannte Unfälle. Diese Brände sind Symptom eines gigantischen und vorsätzlichen Zerstörungsprozesses. Dabei wirken mit:
Gemeinsam mit dem brasilianischen Volk erlebt die IECLB mit lähmenden Schrecken die Apokalypse Amazoniens. Es ist bekannt, daß dieser Prozeß die Region in ein Wüstengebiet verwandeln wird und zu einer Verschärfung des gefürchteten Treibhauseffektes sowie zu unvorhersehbaren und klimatischen Veränderungen in Brasilien und in der Welt führen wird. "Unser tägliches Brot" ist das Leitwort der IECLB für 1989/90. Die Kirche erklärt sich solidarisch mit den Hungernden, und mit ihnen betet sie zu Gott um Nahrung. Sie versteht die Brotbitte jedoch auch in der Weise, daß der Mensch das Recht auf Anrufung Gottes verwirkt, wenn er die natürlichen Grundlagen für landwirtschaftliche Erzeugung zerstört, wenn er sich nicht um eine gerechte Verteilung der Güter bemüht und das Vaterunsergebet nicht mit verantwortlichen Taten verbindet. Der Schutz unserer Umwelt steht in engem Zusammenhang mit sozialer Gerechtigkeit und gehört in den Verantwortungsbereich jedes Christen, der Menschen und der Kirchen. Durch die neue Verfassung werden der Amazonasregenwald, der Regenwald an der Atlantikküste und der Pantanal in Mato Grosso zum nationalen Eigentum erklärt. Artikel 225 § 4 legt fest, daß diese Gebiete ausschließlich unter Bedingungen genutzt werden dürfen, die den Erhalt der natürlichen Umwelt sichern. Die 16. Generalsynode der IECLB nimmt ihre öffentliche Verantwortung wahr und besteht auf der sofortigen Einhaltung der Verfassung durch Anwendung gesetzlicher Maßnahmen, die dem Zerstörungsprozeß im Amazonasgebiet und in anderen ökologisch lebenswichtigen Regionen Einhalt gebieten. Es gibt Zeichen eines wachsenden ökologischen Bewußtseins. Aber sie sind noch unzureichend. Folgende zu ergreifenden Maßnahmen werden von uns hervorgehoben:
Der Ernst der Situation erfordert entschiedene, sofortige und einschneidende Maßnahmen. Die Zeit drängt, von bloßen Reden zu Taten überzugehen. In einigen Jahren kann es zu spät sein. Die Generalsynode der IECLB erinnert daran, daß ökologische Verbrechen einer Sünde gegen Gott selbst gleichkommen. Seine Schöpfung ist heilig. Sie ist Lebensbedingung des menschlichen Seins. Es ist wichtig, neu zu lernen, daß wir ein Teil dieser Schöpfung sind: Mit ihr leben wir oder gehen wir unter. Deshalb wollen wir die vorliegende Stellungnahme an die Gemeinden, Parochien und Institutionen der IECLB zur Prüfung und Aktion als Teil unserer missionarischen Verantwortung in der Verkündigung des Evangeliums richten. Wir wenden uns an die Schwesterkirchen im In- und Ausland mit der Bitte, sich für dieses Anliegen einzusetzen. Wir rufen die Regierungsstellen auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene zum Schutz des Amazonasgebietes auf. Wir bedrängen den Weltwährungsfonds, die Weltbank und andere Institutionen, daß sie ihren Teil der Verantwortung wahrnehmen. Welche Folgen hätte eine "Amazonaswüste"? Wir beten zu Gott und appellieren an die Vernunft der Menschheit, daß solch eine Vision nicht Wirklichkeit werde." Kirchen, Christen, Wirtschaftssysteme São Paulo-"Aufruf zur gehorsamen Nachfolge" A. Wir kommen zu diesem Seminar aus christlichen Gemeinschaften am "Rande" (d. h. an der ökonomischen Peripherie) von Gesellschaften in verschiedenen Teilen der Welt. In unseren Ländern nehmen wir - zusammen mit Menschen verschiedener Konfessionen - teil an den Kämpfen des Volkes um ein menschenwürdiges Leben. Wir kennen aus eigener Erfahrung und Anschauung die Armut, die Machtlosigkeit und den Tod, denen die große Mehrheit der Weltbevölkerung ausgesetzt ist durch Wirtschaftssysteme, die ausschließlich den Zwecken einer mächtigen Minderheit dienen und daher von dieser mit allen Mitteln aufrechterhalten werden. Wir haben erneut festgestellt, daß unsere Erfahrungen von wirtschaftswissenschaftlichen Analysen bestätigt werden, denen zufolge das kapitalistische System, das die "Erste Welt" und die "Dritte Welt" kontrolliert, die Hauptursache der Armut und Machtlosigkeit der Mehrheit der Weltbevölkerung ist. Das kapitalistische Wirtschaftssystem dient den Interessen der Reichen und Mächtigen und hindert eine wachsende Mehrheit der Weltbevölkerung daran, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Damit erzeugt es Entfremdung der Arbeit, ungerechte Verteilung des Kapitals sowie Mißbrauch und Ausplünderung des Bodens. Wir sind daher der Auffassung, daß es sich bei den im folgenden genannten Auswirkungen dieses Wirtschaftssystems um Bekenntnisfragen handelt. Arbeit Arbeit wird in erster Linie als Produktionsmittel betrachtet. Die Arbeiter in den Ländern der sogenannten "Dritten Welt" stellen Autos her, die sie selbst nie fahren werden, bauen Häuser, in denen sie selbst nie wohnen werden, und produzieren Nahrungsmittel, die sie selbst nie essen werden. Arbeiter in allen Teilen der Welt stellen Güter her, die die Umwelt schädigen, Habgier erzeugen und künstlich geschaffene Bedürfnisse befriedigen. Das macht Arbeit leer und sinnlos. Die Arbeiter werden zu bloßen Objekten der Wirtschaft. Am deutlichsten zeigt sich das bei der Wanderarbeit, die familiäre Bindungen zerstört. Unter solchen Bedingungen führt Arbeit zur Entfremdung und Entwürdigung des Menschen und steht im Widerspruch zum Willen Gottes, nach dem die Menschen Subjekte und Partner im Schöpfungsprozeß sein sollen. Kapital Die ungerechte Verteilung des Kapitals kommt in der weltweiten Schuldenkrise sehr deutlich zum Ausdruck. Die Bevölkerung der verschuldeten Länder ist für die Aufnahme der Schulden nicht verantwortlich. Diese Schulden sind in keiner Weise zu rechtfertigen. Sie sind für Volkswirtschaften der "Dritten Welt" eine unerträgliche Belastung, sie machen die Armen in diesen Ländern zu Sklaven und sind nicht selten für ihren Tod verantwortlich. Das hohe Zinsniveau in den Industrieländern des Nordens ist einer der Gründe, weshalb der Schuldendienst für die Länder des Südens praktisch unbezahlbar geworden ist. Dieses Zinsniveau ist u. a. auf die aufgeblähten Rüstungsetats in den USA und anderen Industriestaaten zurückzuführen. Das hohe Zinsniveau hat also einen doppelt tödlichen Effekt und steht somit in schärfstem Widerspruch zu unserem Glauben an den lebenspendenden Gott. In den großen Städten des Nordens ist die Spekulation mit Kapital die Ursache von Armut und schlechten Wohnbedingungen, die Familien und Gemeinschaften zerstören. Christen müssen solche Situationen, in denen der Profit zum Götzen gemacht wird und wichtiger erscheint als das Leben von Menschen, entschieden ablehnen. Boden Der Mißbrauch und die Ausplünderung des Bodens, die Ausdruck mangelnder Achtung vor dem Leben sind, führen zu ökologischen Katastrophen. Die höchst ungleiche Bodenverteilung in den meisten Ländern der Erde ist das Ergebnis der Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht in den Händen einiger weniger und des Landraubs an den Armen und vor allem an den Urvölkern. Die Verhinderung eines verantwortungsbewußten Umgangs mit der Schöpfung und der Raub lebenswichtiger Ressourcen sind als Sünde zu betrachten. B. In diesem Seminar haben wir uns - wie wir es auch in unseren Gemeinschaften tun - geistlichen Übungen unterzogen: wir haben zusammen die Bibel gelesen und gebetet. Unsere Gemeinschaften versammeln sich regelmäßig mit unseren leidenden Schwestern und Brüdern zur Bibelarbeit und zum Gottesdienst. Dabei haben wir gelernt, daß unsere Praxis - also unser Bemühen, Leben, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Frieden vor den Mächten des Todes zu schützen und sie zu entfalten - eine Form des Glaubensbekenntnisses ist, denn in ihr werden Zeichen des Gottesreiches sichtbar. Unsere geistlichen Übungen geben uns das Wissen und die Kraft, die wir für unseren Kampf um Befreiung brauchen. Wir haben im Lichte des Evangeliums über unsere Erfahrungen und Analysen nachgedacht und sind insbesondere zu folgenden Schlußfolgerungen gelangt: 1. Die dominierenden Wirtschaftssysteme stehen in fundamentalem Widerspruch zum Schöpfungsplan Gottes, weil sie Armut, Ungerechtigkeit, Machtlosigkeit und Tod zur Folge haben, anstatt die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse, die Respektierung der Menschenrechte, demokratische Mitbestimmung und menschenwürdige Lebensbedingungen zu fördern. 2. Die christliche Lehre wird zu oft als Stütze dieser Wirtschaftssysteme mißbraucht; auch die Strukturen der großen Kirchen des Westens sind diesen Systemen angepaßt, spiegeln sie wider, rechtfertigen sie, ziehen Nutzen aus ihnen und sind zugleich ihre Gefangenen. 3. Der Gott des Evangeliums steht auf der Seite der Armen und Machtlosen und leidet mit ihnen in ihrem Kampf um Befreiung und Gerechtigkeit. 4. Das Volk Gottes ist berufen und befähigt, in der Nachfolge Jesu auf der Seite der Armen in ihrem Kampf um Gerechtigkeit und Befreiung zu stehen und hierbei mit Menschen außerhalb der Kirche zusammenzuarbeiten, die sich für Befreiung und Gerechtigkeit einsetzen. 4. Christen, christliche Bewegungen und Basisgemeinschaften sind ebenso wie die institutionellen Kirchen aufgerufen zur ständigen Umkehr in allen Lebensbereichen und zu einer Praxis für das Leben. Das setzt voraus, daß auf individueller, kirchlicher und gesellschaftlicher Ebene versucht wird, Alternativen zu entwickeln. C. Viele andere Christen vor uns haben diese Schlußfolgerungen gezogen und die Forderung des Evangeliums befolgt, sich auf örtlicher, Landes- und weltweiter Ebene für Befreiung einzusetzen. Wir sind der Meinung, daß die Zeit gekommen ist, unser Engagement zu bekräftigen und unsere Bemühungen zu verstärken. Dazu erklären wir folgendes: 1. Wir schließen uns der Fünften Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Nairobi 1975) an, die feststellte: "Während wir einen Christus bekennen, der befreit und eint, zeigt sich in den Wirtschaftsstrukturen, in denen wir leben, eine Tendenz zur Entzweiung und zur Versklavung durch das Geld." 2. Wir stellen fest, daß Bemühungen, diese Wirtschaftsordnungen aus dem christlichen Glauben heraus zu rechtfertigen, dem Evangelium widersprechen und von Christen in der schärfsten Form, die ihre jeweilige Lehre oder Tradition erlaubt, zu verurteilen sind (indem sie sie z. B. als Häresie verwerfen oder den status confessionis erklären). 4. Wir stellen fest, daß Christen diese Wirtschaftsordnungen ablehnen und Widerstand gegen sie leisten sollten. 5. Wir stellen fest, daß Kirchen und Christen, die dem Gebot Christi folgen wollen, Bemühungen um eine gerechte und partizipatorische Wirtschaftsordnung, die das Recht aller Menschen auf Leben - d. h. Nahrung, Unterkunft, Arbeit, Gesundheit, Würde und Selbstbestimmung - garantiert, einleiten, fördern und unterstützen sollten. Wir rufen Kirchen, Gemeinden und Basisgemeinden sowie Gruppen und Bewegungen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, auf, gemeinsam mit uns zu erklären, daß die Verurteilung der Übel des gegenwärtigen Weltwirtschaftssystems eine der Grundforderungen des christlichen Glaubens ist. Wir rufen ferner alle, die sich dieser Erklärung anschließen, auf zu einem Bundesschluß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. São Paulo, 5. - 12. März 1987 Das Sklavenschiff (Heinrich Heine)
Der Großkaufmann, der Herr van Koek, Sitzt rechnend in seiner Kajüte; Da wägt er ab der Ladung Betrag Und seine großen Profite.
"Der Gummi ist gut, der Pfeffer ist gut, Dreihundert Säcke und Fässer; Ich habe Goldstaub und Elfenbein - Die schwarze Ware ist besser.
Sechshundert Neger tauschte ich ein Spottwohlfeil am Senegalflusse. Das Fleisch ist hart, die Sehnen sind stark, Wie Eisen vom besten Gusse.
Ich hab zum Tausche Branntewein, Glasperlen und Stahlzeug gegeben; Gewinne daran achthundert Prozent, Bleibt mir die Hälfte am Leben.
Bleiben mir Nigger dreihundert nur Im Hafen von Rio Janeiro, Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück Der Kaufmann Gonzales Perreiro."
Da plötzlich wird der Herr van Koek Aus seinen Gedanken gerissen: Der Schifschirurgus tritt herein, Der Doktor van der Smissen.
Das ist eine klapperdürre Figur, Die Nase voll roter Warzen - "Nun, Schiffsarzt, du Wasserfeldscherer, Wie geht's meinen lieben Schwarzen?"
Der Doktor dankt der Nachfrage und spricht: "Ich bin zu melden gekommen, Daß heute nacht die Sterblichkeit Bedeutend zugenommen.
Im Durchschnitt sterben täglich zwei, Doch heute starben sieben, Vier Männer, drei Frauen - Ich hab den Verlust Sogleich in die Kladde geschrieben.
Ich untersuchte die Leichen genau; Denn diese Schelme stellen Sich manchmal tot, damit man sie Hinabwirft in die Wellen.
Ich nahm den Toten die Ketten ab; Und wie ich gewöhnlich tue, Ich ließ die Leichen werfen ins Meer Des Morgens in der Frühe.
Es schossen alsbald hervor aus der Flut Haifische, ganze Heere, Sie lieben so sehr das Negerfleisch, Als ob es aus Zucker wäre.
Sie folgten unseres Schiffes Spur, Seit wir verlassen die Küste; Die Bestien wittern den Leichengeruch Mit schnupperndem Fraßgelüste.
Es ist possierlich anzusehn, Wie sie nach den Toten schnappen! Der faßt den Kopf, der faßt das Bein, Die andern schlucken die Lappen.
Ist alles verschlungen, dann tummeln sie sich Vergnügt um des Schiffes Planken Und glotzen mich an, als wollten Sie Sich für das Frühstück bedanken."
Doch seufzend fällt ihm in die Red Van Koek: "Wie kann ich lindern Das Übel? wie kann ich die große Sterblichkeit denn nur verhindern?"
Der Doktor erwidert: "Durch eigne Schuld Sind viele Schwarze gestorben; Ihr schlechter Atem hat die Luft Im Schiffsraum so sehr verdorben.
Auch starben viele durch Traurigkeit, Dieweil sie sich tödlich langweilen; Läßt sich die Krankheit heilen."
Da ruft von Koek: "Ein guter Rat! Musik! Sie sollen tanzen. Und wer sich beim Hopsen nicht amüsiert, Auf dem soll die Peitsche tanzen."
Hoch aus dem blauen Himmelszelt Viel tausend Sterne schauen, Sehnsüchtig glänzend, groß und klug, Wie Augen von schönen Frauen.
Sie blicken hinunter in das Meer, Das weithin überzogen Mit phosphorstrahlendem Purpurduft; Wollüstig girren die Wogen.
Kein Segel flattert am Sklavenschiff, Es liegt wie abgetakelt; Doch schimmern Laternen auf dem Verdeck, Wo Tanzmusik spektakelt.
Die Fiedel streicht der Steuermann, Der Koch, der spielt die Flöte, Ein Schiffsjung schlägt die Trommel dazu, Der Doktor bläst die Trompete.
Sie stampfen den Boden mit tobender Lust, Und manche schwarze Schöne Umschlingt wie im Fieber den tanzenden Freund, Dazwischen ächzende Töne.
Der Herr van Koek, er leitet den Tanz Und hat mit Peitschenhieben Die lässigen Tänzer aufgescheucht, Zum Frohsinn angetrieben.
Und Dideldumdei und Schnedderedeng! Der Lärm lockt aus den Tiefen Die Ungetüme der Wasserwelt, Die dort blödsinnig schliefen.
Schlaftrunken kommen geschwommen heran Haifische, viele hundert; Sie glotzen nach dem Schiff hinauf, Sie sind verdutzt, verwundert.
Sie merken, daß die Frühstücksstund Noch nicht gekommen, und gähnen, Aufsperrend den Rachen; die Kiefer sind Bepflanzt mit Sägezähnen.
Und Schnedderedeng und Dideldumdei - Die Tänze nehmen kein Ende. Am Fockmast steht der Herr van Koek Und faltet betend die Hände:
"Um Christi willen verschone, o Herr, Das Leben der schwarzen Sünder! Erzürnten sie dich, so weißt du ja, Sie sind so dumm wie die Rinder.
Verschone ihr Leben um Christi willn, Der für uns alle gestorben! Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück, So ist mein Geschäft verdorben." Carlos Drummond de Andrade Vier Gedichte: Lebt wohl ihr sieben Wasserfälle Sieben Wasserfälle stürzten durch mich, Und alle sieben verdunsteten Innehält das Tosen der Kaskaden, und mit ihm Weckt die zerstäubte Erinnerung an die Indios nicht mehr den geringsten Schauder. Zu den toten Spaniern, den toten Bandeirantes, Den erloschenen Feuern von Ciudad Real de Guaira gesellen sich Die sieben Gespenster der Wassermassen, ermordet Durch die Hand des Menschen, Herr des Planeten. Hier dröhnten einst Stimmen Der fantasievollen Natur, Sie überschüttete die Menschen Mit Traumaufführungen ohne Vertrag. Schönheit an sich, fantastischer Entwurf, Körper aus Strudeln und luftumflossenen Dunstwolken, zeigte, entkleidete und schenkte sich in freiem Beischlaf dem entzückten Menschenauge. Die gesamte Baukunst, das gesamte Ingenieurwesen Ferner Ägypter und Assyrer Würde vergebens wagen, solch ein Denkmal zu schaffen. Und es zerfällt Durch den undankbaren Eingriff von Technokraten. Hier zerrinnen sieben Schauspiele, sieben Bildwerke Mit flüssigem Profil Zwischen den Computerberechnungen Eines Landes, das seine Menschlichkeit aufgibt, Um ein eiskaltes Unternehmen zu werden und weiter nichts. Aus der Bewegung wird ein Staudamm, Aus Bewegtheit wird die betriebliche Stille Eines Wasserkraftwerks. Laßt uns alle Bequemlichkeit bieten, Von Licht und Kraft zu Tarifsätzen erzeugt Auf Kosten eines anderen Wohls, das weder Preis Noch Lösegeld kennt, und die das Leben verarmt Durch die wahnwitzige Illusion, es zu bereichern. Sieben Rinderherden aus Wasser, sieben weiße Stiere, Bestehend aus Billionen weißer Stiere, Versinken in einer Lagune, und was bleibt In der Leere, die keinerlei Form annehmen wird, Von der Natur als Schmerz ohne Gebärde, Als die verstummte Zensur Und der Fluch, den die Zeit zeugen wird? Kommt, fremde Völker, kommt brasilianische Brüder aller Gesichtszüge, Kommt seht und behaltet Nicht mehr das Kunstwerk der Natur, Heute eine melancholische Farbpostkarte, Sondern sein von schillernden Schaum- und Wutperlen Noch tropfendes Spektrum, Das zwischen zerstörten Hängebrücken Umherirrt und geistert, Und dem nutzlosen Weinen der Dinge, Ohne die geringste Reue zu erregen, Die geringste glühende und eingestandene Schuld. ("Wir übernehmen die Verantwortung! Wir bauen das mächtige Brasilien!") Und patati patata patata ... Sieben Wasserfälle stürzen durch uns, Aber ach, wir verstanden, verstanden nicht, sie zu lieben, Und alle sieben wurden getötet, Und alle sieben verschwinden in der Luft, Sieben Gespenster, sieben Verbrechen Der Lebenden, die das Leben zerschlagen, Das nie wieder auferstehen wird. Nachbemerkung: Dieses Gedicht wurde im November 1982 geschrieben. Das kurz zuvor im Länderdreiecks von Brasilien, Paraguay und Argentinien errichtete Wasserkraftwerk Itaipu hatte Brasiliens "Achtes Weltwunder", die "Sete Quedas", die "Sieben Fälle", zerstört. Jetzt erinnere ich mich an einen, vorher erinnerte ich mich an einen anderen. Ein Tag wird kommen, da keiner erinnert sein wird. Dann werden sie im gleichen Vergessen verschmelzen. Von neuem das Fleisch vereint, und die Hochzeit Feiert sich allein, wie gestern und immer. Denn ewig ist die Liebe, die eint und trennt, und ewig das Ende (Es begann schon bevor es war), und wir sind ewig, Zerbrechlich, nebelhaft, stammelnd, gescheitert: ewig. Und das Vergessen noch ist Erinnerung, und Lagunen von Schlaf Versiegeln in ihrer Schwärze was wir einst liebten und waren Oder niemals waren, und dennoch brennt es in uns Nach Art der Flamme die schlummert im Brennholz des Schuppens. Zwischen der Kaffeepflanzung und dem Traum Malt der Junge einen goldenen Stern An die Wand der Kapelle, Und nichts widersteht mehr der malenden Hand. Die Hand wächst und malt Was nicht zu malen ist, sondern zu erdulden. Immer komponiert die Hand Modellmurmelnd Was der Müdigkeit der Schöpfung entging Und überprüft Formversuche Und verbessert das Schiefe durch das Luftige Und sät Margeriten des Liebhabens auf die Truhe der Besiegten. Die Hand wächst weiter und macht Aus der Welt-wie-sie-sich-wiederholt die Welt die wir telewünschen. Die Hand kennt die Farbe der Farbe Und bekleidet mit ihr das Nackte und das Unsichtbare. Alles hat eine Erklärung weil alles eine (neue) Farbe hat. Alles existiert weil es gemalt wurde nach dem Bild der magischen Orange, Nicht um den Durst der Gefährten zu löschen, Sondern vor allem um ihn zu reizen Bis zur Grenze des Gefühls für die Erde als Wohnstätte des Menschen. Zwischen dem Traum und der Kaffeepflanzung Zwischen Krieg und Frieden Zwischen Märtyrern, Beleidigten, Musikern, Segelflößen, Papierdrachen, Zwischen den mechanisierten Landleuten Israels, Der Erinnerung an Giotto und dem ersten Duft Brasiliens Zwischen der Liebe und dem Beruf Zwischen all dem entscheidet die Hand: Alle kleinen Jungen, auch die elendesten, Sollen taumelnd glücklich sein So glücklich wie das Vielseitige grünrosafarbene Bild in zwei Generationen Des Kindes das schwankt wie eine Blume im Kosmos Und die von Bezauberung übermächtige Hand Bescheiden macht, dienstbar und zahm. Nun besitzen wir eine Wahrheit ohne Angst, Selbst im Geängstigt-Sein. Was Schmerz war ist Blume, plastische Kenntnis der Welt. Und weil sie das Wesentliche dargestellt Und das Übrige den Doktoren von Byzanz überlassen hat, Verstummt sie jäh Und fliegt ins Nimmermehr, Die unbegrenzte Hand Die blauäugige Hand von Candido Portinari. Die Liebe klopfte an des Wahnsinns Tor. "Bin deine Schwester", bat sie, "laß mich ein. Nur du wäschst mich vom schwarzen Schlamme rein, in dem mich meine Leidenschaft verlor." Der Wahnsinn wehrt den Eintritt ihr ins Tor. Er weiß: von Täuschung nur die Liebe lebt. Starr staunend er bei ihrem Anblick bebt; einst menschlich, kommt sie ihm unmenschlich vor. Und ruft ihr zu: "Rasch, Liebe, komm herein, mein Höllenhaus aus Pech sei fortan dein, niemand verdient so sehr, was mir verblieben. Denn mich zieht's fort, ziellos, ins Niemandsland, kenn ich doch keinen trüberen Unverstand als dieses gnadenlose Leiden - Lieben." (Aus dem Brasilianischen von Curt Meyer-Clason)
"Die Weißen drangen in unseren Lebensbereich ein, sie zerstörten unsere Häuser. Sie kamen mit Lastwagen, raubten das Holz und brachten es in ihre Städte.
Die Weißen versprachen uns viel: Krankenhäuser, Schulen. Aber - ihre Städte wachsen. Unsere Hütten brennen. Letztlich blieben uns nur der Abfall, die Krümel. Das traf uns alle, alle Stämme und Nationen. Das siehst du an den Zeichen der Gesichtsbemalung.
Wer uns den Lebensraum zerstört und die Bäume nimmt, nimmt uns alles! Wir sind mit den Bäumen direkt verbunden. Sie geben Leben. Sie tragen uns. Die Äste treten aus unseren Ohren heraus. Damit will ich sagen, daß wir durch die Bäume und Flüsse uns mit unserem Schöpfer verständigen, ihn hören. Christen gehen dazu in die Kirche, feiern dort Messe. Das ist bei uns anders. Wir leben in unserer Religion.
Mit den Bäumen nahmen uns die Weißen alles. Die Weißen veränderten unser Zusammenleben. Sie kamen und redeten zuerst mit unseren Führern. Gaben ihnen Geschenke.
Früher hatten wir alles gemeinsam. Nun kamen die Unterschiede, die Trennungen und Abhängigkeiten. Nun brauchten wir Diesel, Batterien, einen Pater. Es gab keine Gemeinschaft mehr. Das machte das Geld, das die weiße Zivilisation brachte. Das Geld drang in unsere Gemeinschaft ein und beherrschte die Köpfe. Schau hierher, schau auf die Banknote! Hier steht: DEUS SEJA LOUVADO! Gott sei gelobt! Geld und Gott! Deshalb unsere Tränen."
Iracema, Künstlerin aus dem Volke der Kaingang, Rondonia, Brasilien, Januar 1990 Trauerlied der Mutter Natur (Janjão)
Mein Kind, Dein Leben ist in mir entstanden, Mein Leben hat Dich hervorgebracht.
Ich weiß - mein Leib wird dieses Leben nicht mehr gebären.
Ich gebe Dir Milch, - Doch Du zersetzt meine Adern mit Quecksilber.
Ich gebe Dir Brot, - Doch Du bedeckst meinen Leib mit Schwären.
Ich gebe Dir Honig, - Doch Du vergiftest mein Blut mit stinkenden Abwässern.
Ich gebe Dir Früchte, - Doch Du reißt mir die Haare vom Kopf und entwürdigst mich.
Ich gebe Dir Licht, - Doch Du verpestest meinen Himmel und die Sonne verfinstert sich.
Ich gebe Dir den Lebensatem, - Und Du drückst mir die Luft ab.
Ich berge Dich in meinem Mantel, - Und Du überschüttest mich mit Unrat.
Du ruhst in meinem Schatten, - Und zerstörst mein schützendes Dach.
Kind, Behüte Deine Mutter! Liebe Deine Geschwister! Erwidere die Liebe, die ich für Dich habe Und achte die Nabelschnur, die Dich mit mir verbindet, Dein Leben mit meinem, Für immer.
João Batista dos Santos ("Janjão") |