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Cuadernos BananaFair

 

Cuadernos BanaFair: Chiquuita - 100 Jahre krumme DingerCUAD6GR6 (2).GIF (31324 Byte)

 

 

Notizen zu einer Kolonialfrucht

Cuadernos (span.: cuadernos = Hefte) ist eine Schriftenreihe des Vereins BanaFair. Jede Banane hat ihre Geschichte. Sie erzählt davon, wie sie entstanden ist, wer sich an ihr bereichert hat und wer durch sie arm geworden ist. Cuadernos BanaFair notiert diese Geschichten. Kurz und prägnant geben die Hefte Einblick in das Universum einer wahrlich eigenwilligen Frucht.

Heft 1 "Bananenproduktion in Costa Rica: ökonomische, soziale, kulturelle und ökologische Auswirkungen und mögliche Alternativen".

Heft 2 "Von der Tulpenzwiebel zum Bananenmonopol. Potrait des europäischen Bananenmultis Geest". (vergriffen)

Heft 3 "Eßt Bananen! Ein Rezeptheft rund um die gelbe Frucht".

Heft 4 "Fast alles zur Banane. Kleine Kolonialgeschichte einer außergewöhnlichen Frucht". (vergriffen)

Heft 5 "Der gelbe Kuß - Ein Bananencomic"

Weitere Hefte sind in Vorbereitung.

Cuadernos BanaFair 5. Chiquita. 100 Jahre krumme Dinger
Herausgeber BanaFair
Redaktion:  Rudi Pfeifer, Boris Scharlowski
Text: Klaus Jetz
Gestaltung& Layout: Edith Jaspers
1. Auflage Gelnhausen, März 1999


Editorial: 100 Jahre krumme Dinger

Ein wenig in die Jahre gekommen ist sie, die bezaubernde Miss Chiquita. Deshalb erscheint seit kurzem das weiße Fräulein auf blauem Grund nunmehr in einem völlig neuen Outfit. Frisch, jung und unverbraucht soll sie wieder wirken. Denn schließlich ist sie weltweites Aushängeschild einer 100 jährigen Firma, die heute mehr denn je um ein sauberes Image bemüht ist.

100 Jahre Chiquita, das ist zum einen die wirtschaftliche Erfolgsstory einer Firma im 20. Jahrhundert, die durch meist sehr eigenwillige Operationen zum weltweit tätigen Fruchtkonzern aufgestiegen ist. Vor allem aber ist dies die Geschichte von 100 Jahren monokultureller Bananenwirtschaft. Denn Chiquita - oder besser ihre Vorgängerin die United Fruit Company - war die erste, die sich in den organisierten Ex- und Import der gelben Früchte wagte. Doch damit steht die Firma auch für jene typischen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung mehrerer Generationen mittelamerikanischer LandarbeiterInnen, die der Bananenindustrie zueigen sind. Begleitet wurde dies durch die orchestrierte Einschüchterung und Erpressung ganzer Staaten sowie durch die Komplizenschaft mit äußerst illustren Gestalten der politischen Bühne im ‘Hinterhof’ der USA. Nicht ohne Grund hat sich im Laufe der Jahre der Begrif der Bananenrepublik auch in unserem Sprachgebrauch fest etabliert.

In fast jedem Land zwischen Mexiko und Kolumbien hat Miss Chiquita ihre Spur hinterlassen. Ihre ‘Ruhmestaten’, aber auch das zähe Aufbegehren und die hart erkämpften Errungenschaften der bananeros (BananenarbeiterInnen) haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der betroffenen Völker eingegraben. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Romane und Erzählungen in den Nationalliteraturen dieser Länder.

Am Ende des 20. Jahrhunderts steht der Name Chiquita immer noch für ein System, in dessen Namen die (Menschen-) Rechte der bananeros verletzt werden und der massive Einsatz von Pestiziden die Gesundheit der Menschen sowie die Artenvielfalt der Umwelt schwerstens schädigt. Daneben steht der Name der Firma für diverse Formen recht unverhohlener politischer Einflußnahme. Darüber kann selbst die exotische Schönheit der Miss Chiquita nicht hinwegtäuschen.

Sollte ein hundertjähriger Geburtstag kein Anlaß zum Feiern sein? Wie das Beispiel des Bananenkonzerns Chiquita zeigt: nicht in allen Fällen! Doch zu einem bietet das Ende eines Jahrhunderts allemal Anlaß: einmal gemeinsam die Geschichte dieser ganz besonderen Firma Revue passieren zu lassen. Dabei verbinden die Herausgeber einen eindrücklichen Wunsch mit dieser Publikation: Es ist an der Zeit, daß Chiquita selbst beginnt, ihre wenig rühmliche Geschichte aufzuarbeiten. Der internationale Konzern muß heute Konsequenzen ziehen, damit in Zukunft endlich Mensch und Umwelt respektiert werden.

Für die Erstellung des folgenden Textes danken wir dem Autor, Klaus Jetz, ganz herzlich.

Die Redaktion


Ein Imperium wird gegründet: Minor Keith

Minor Keith war der Neffe von Henry Meggs, der mehrere Eisenbahnlinien in Südamerika, u.a. die abenteuerliche Andenbahn, hatte bauen lassen. Minor Keith ließ 700 Arbeiter von New Orleans nach Limón an der costarikanischen Atlantikküste bringen, um ein Werk zu vollenden, das dem Staat zu teuer geworden war. Die costarikanische Regierung zögerte nicht, Keith als Gegenleistung für den Bau der letzten Eisenbahn-Kilometer die gesamte Strecke einschließlich aller zukünftigen Einkünfte zu überlassen. Keith ließ zu beiden Seiten der Bahnlinie Bananenplantagen anlegen. Rasch folgten Niederlassungen in Nicaragua und Belize. Um die Jahrhundertwende fusionierte die Boston Fruit Company mit Keith’ Bananenimperium in Mittelamerika zur United Fruit Company. Außer seiner Eisenbahnlinie brachte Keith seinen immensen Einfluß in Costa Rica in die neue Firma ein: Im Laufe der Jahre beherrschte er fast alle Bereiche der Wirtschaft, hatte ein eigenes Zahlungsmittel eingeführt und erhielt regelmäßig Zahlungen aus der Staatskasse. Dieser Einfluß trug ihm den Beinamen "Kaiser des Karibischen Meeres" ein.

 

"1882 war die Eisenbahn bis auf eine Strecke von zwanzig Meilen fertig, und Keith hatte eine Million Dollar Schulden. Die Eisenbahn hatte nichts zu befördern. Keith ließ Bananen pflanzen, damit die Bahn etwas zu befördern habe, und um die Bananen auf den Markt zu bringen, mußte er sich im Schiffahrtsgeschäft engagieren: Das war der Anfang des karibischen Obsthandels. Unterdessen starben die Arbeiter an Whisky, Malaria, Gelbfieber und Dysenterie. Minor Keiths drei Brüder starben. Minor Keith starb nicht. Er baute Eisenbahnen, errichtete an der ganzen Küste Kleinhandelsgeschäfte, in Bluefields, Belize, Limón, kaufte und verkaufte Gummi, Vanille, Schildplatt, Sarsaparilla; alles, was er billig kaufen konnte, kaufte er, alles, was er teuer verkaufen konnte, verkaufte er.

1898, in Gemeinschaft mit der Boston Fruit Company, gründete er die United Fruit Company, die seither einer der mächtigsten Industriekonzerne der Welt geworden ist. 1912 gründete er durch Fusion die Internationalen Eisenbahnen von Mittelamerika: Das alles war auf Bananen aufgebaut. In Europa und den Vereinigten Staaten hatten die Menschen begonnen, Bananen zu essen, und so schlug man in ganz Mittelamerika die Dschungel nieder, um Bananen zu pflanzen, und baute Eisenbahnen, um die Bananen zu befördern, und von Jahr zu Jahr dampften immer mehr Dampfer der Großen Weißen Flotte nach dem Norden, beladen mit Bananen, und das ist die Geschichte des amerikanischen Imperiums am Karibischen Meer und des Panamakanals und des künftigen Nikaraguakanals und der Marinesoldaten und der Schlachtschiffe und Bajonette."

aus: John Dos Passos, Der 42. Breitengrad


 

Ein Imperium expandiert: Sprung ins Zuckerrohrgeschäft

Nachdem auch im kubanischen Osten um die Jahrhundertwende eine Eisenbahnlinie (die sogenannte Antilla-Bahn) eröffnet worden war, erwirtschafteten die Zuckerbarone und mithin auch die UFC enorme Gewinne durch die nach dem Ersten Weltkrieg weltweit gestiegene Nachfrage nach Zuckerrohr. Bereits 1904 hatte die UFC die beiden großen Zuckerfabriken Boston und Preston im Osten Kubas erworben und drei anderen US-Firmen, die dort riesige Ländereien besaßen, Konkurrenz gemacht. Die UFC verfügte auf ihren Plantagen über eine eigene Truppe von 20 bewaffneten Männern und kontrollierte die Schiffsverbindung zwischen Antilla und New York. Der Exportboom und die unglaublichen Gewinne aus dem Zuckerrohrgeschäft gingen als ‘danza de los millones’ (Tanz der Millionen) in die karibische Geschichte ein. Das Elend der Bevölkerung in der kubanischen Zuckerregion begünstigte letztendlich die revolutionären Strömungen von den 20er Jahren bis hin zur kubanischen Revolution in den 50er Jahren.

Die kubanische Revolutionsregierung enteignete Anfang der 60er Jahre mehrere US-Firmen, darunter auch die UFC. Im April 1960 beschuldigte Kuba den guatemaltekischen Staatschef Miguel Ydígoras, zusammen mit der UFC eine Invasion Kubas auf dem Seeweg zu planen. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern war die Folge. Immer wieder berichtete die US-Presse in jener Zeit über geheime militärische Ausbildungslager für Exilkubaner in Guatemala. Angeblich nahmen auch zwei Frachtschiffe der Großen Weißen UFC-Flotte an der gescheiterten Invasion von Exilkubanern in der Schweinebucht teil, die den Sturz von Fidel Castro zum Ziel hatte.


 Bananenrausch in Kolumbien

An die kolumbianische Karibikküste kam die UFC bereits 1901. Im Jahr zuvor hatte die Panama-Krankheit viele Bananenplantagen in Mittelamerika zerstört. Die junge Firma kaufte ruinierte Unternehmen auf, eine bewährte Praxis, für die Chiquita noch heute eine Vorliebe hat. 1905 weihte die UFC die erste Eisenbahnlinie entlang der Karibikküste ein, und bald erfuhr die gesamte Region einen wahrhaftigen Bananenrausch, der viele Einwandererfamilien aus allen Erdteilen anzog. Der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez sollte dieses Phänomen später hojarasca (Laubsturm) nennen. Zehn Jahre nach ihrer Ankunft im Norden Kolumbiens besaß die UFC bereits 6.050 Hektar Land, während die einheimischen Produzenten zusammen über nur 5.850 Hektar Land verfügten.

Eine zweite massive Einwanderung erlebte die kolumbianische Bananenregion nach dem Ersten Weltkrieg. Viele Familien aus dem zerstörten Europa, dem Nahen Osten und aus Asien gelangten nach Ciénaga und Aracataca, das bald als "Babel der Bananen" bezeichnet wurde, weil Glücksspiel, Prostitution und Kriminalität unvorstellbare Ausmaße annahmen. Auch diese Zeit verewigte García Márquez in seinem Roman Hundert Jahre Einsamkeit. 1920 schluckte die UFC die französische Compagnie Immobilière et Agricole de Colombie, die 2.485 Hektar Land besaß. Damit kontrollierte die UFC 69 Prozent des kultivierten und unkultivierten Landes der gesamten Bananenanbauregion Kolumbiens. Ein regelrechter Staat im Staate entstand, in dem die Gesetze des "Gastlandes" keine Gültigkeit mehr hatten. Die BananenarbeiterInnen nannten diese mächtige Enklave ohne arbeitsrechtliche Beschränkungen "Große Mama", und die United Fruit Company hieß auch hier, wie in den Bananenanbaugebieten Mittelamerikas, Mamita Yunai.

Im November 1928 mündeten die unhaltbaren Arbeits- und Lebensbedingungen der bananeros in einen umfassenden Streik. Die ArbeiterInnen forderten u.a. 50 Prozent mehr Lohn, Entschädigung bei Arbeitsunfällen, wöchentliche statt 14tägige Lohnzahlungen, arbeitsfreie, bezahlte Sonntage, hygienische Wohnmöglichkeiten, ausreichende ärztliche Versorgung und vor allem Normverträge anstelle der Unterverträge mit contratistas, die die UFC jeder sozialen und rechtlichen Verantwortung für ihre ArbeiterInnen enthoben. Alle diese Forderungen standen im Einklang mit den Gesetzen Kolumbiens. Nach vier Wochen Streik und horrenden wirtschaftlichen Verlusten für die UFC wurde der Streik vom Militär blutig beendet.

In den Folgemonaten überzog das Militär die gesamte kolumbianische Bananenregion mit einer Terrorwelle. Am Ende des langen Massakers zählte man noch einmal Hunderte von Toten. Die genaue Zahl wurde nie ermittelt. Daß das Massaker überhaupt bekannt wurde, war dem später ermordeten Oppositionspolitiker Jorge Eliécer Gaitán zu verdanken, der den Massenmord vor dem Parlament im fernen Bogotá denunzierte. Bis 1932 erfolgte der allmähliche Rückzug der UFC aus Kolumbien. Börsenkrach, Weltwirtschaftskrise, das erneute Auftreten der Panama-Krankheit sowie katastrophale Überschwemmungen in der Region, die von der UFC durch Kanalbauten mit verursacht wurden, leiteten diesen strategischen Rückzug ein, an dem auch die Namensänderung in Magdalena Fruit Company nichts mehr änderte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte der erstarkte Fruchtmulti wieder in Kolumbien auf.

"Plötzlich, als hätte ein Wirbelwind Wurzeln geschlagen mitten im Dorf, kam die Bananengesellschaft, verfolgt vom Laubsturm. Und der Laubsturm war kunterbunt, zerzaust, zusammengefegt aus dem menschlichen und materiellen Abfall der anderen Dörfer, Ausschuß eines Bürgerkriegs, der immer ferner und unwahrscheinlicher schien, Der Laubsturm war unerbittlich. Er vergiftete alles mit seinem buntgewürfelten Geruch, Geruch von menschlichen Ausdünstungen und verstecktem Tod. In weniger als einem Jahr überschwemmte er das Dorf mit den Trümmern zahlreicher früherer Katastrophen und verstreute in dessen Straßen die wirre Ladung seines Abfalls... Und vermengt mit dem menschlichen Laubsturm, mitgerissen von seiner ungestümen Kraft, kam der Abfall der Kaufläden, der Krankenhäuser, der Vergnügungssalons, der Kraftwerke; Abfall von alleinstehenden Frauen und Männern, die ihren Maulesel an einen Hotelpfosten banden und als einziges Gepäck eine Holztruhe mitbrachten oder ein Kleiderbündel und nach wenigen Monaten ein eigenes Haus besaßen, zwei Konkubinen und den militärischen Rang, den man ihnen schuldig war... Sogar der Abfall trostloser Liebe kam mit dem Laubsturm aus den Städten und baute kleine Holzhäuser; zuerst richtete er drinnen, in einer Ecke, eine halbe Pritsche ein als dunkle Zuflucht für eine Nacht, später dann eine lärmende heimliche Straße und zuletzt, innerhalb des Dorfs, ein ganzes Dorf der Toleranz."

aus: Gabriel García Márquez, Laubsturm

"José Arcadio Segundo befand sich unter der Menschenmenge, die sich vom Freitag morgen an vor dem Bahnhof zusammenrottete... Ihm war nicht wohl dabei, und er zerknetete ein nach Schwefel schmeckendes Gebäck am Gaumen, als er gewahrte, daß das Heer Maschinengewehrnester um den kleinen Platz eingerichtet hatte, daß die stacheldrahtumzogene Bananenstadt mit Artilleriegeschützen bestückt war. Gegen zwölf Uhr waren mehr als dreitausend Personen, darunter Arbeiter, Frauen und Kinder, die auf einen Zug warteten, der nicht kam, über den kleinen Bahnhofsplatz hinausgequollen und drängten in die angrenzenden Gassen, die das Heer mit Maschinengewehrhecken verriegelt hatte... Nun stieg ein Leutnant des Heeres aufs Stationsdach, auf dem vier Maschinengewehrnester auf die Menge zielten, und ein Trompetenstoß gebot Stillschweigen... (Das Gesetz Nummer IV) war unterzeichnet von General Carlos Cortes Vargas und ... es nannte ... die Streikenden eine Horde von Übeltätern und ermächtigte das Heer, diese mit Gewehrsalven niederzumähen... Der Hauptmann gab den Befehl zum Feuern, und vierzehn Maschienengewehrnester antworteten... Und nun brach inmitten der Menge mit unheimlichem Druck eine Erdbebenkraft aus, ein vulkanischer Atem, ein Weltuntergangsgebrüll. José Arcadio Segundo hatte kaum Zeit, das Kind hochzuheben, während die Mutter mit dem anderen von der panikgetriebenen, auseinanderstiebenden Menge mitgerissen wurde."

aus: Gabriel García Márquez, Hundert Jahre Einsamkeit


Die guatemaltekische Tragödie

Von Beginn des Jahrhunderts bis 1944 besaß die UFC auch in Guatemala mehr Macht als die Regierung des Landes. Sie kontrollierte direkt oder über Tochtergesellschaften Leuchttürme, Häfen, Eisenbahnen, die Elektrizitätsversorgung, Teile der internationalen Seefahrt des Landes, Telegrafen- und Telefonsysteme sowie eine ungeheure Fläche Land (rund 200.000 Hektar). Verträge, die die UFC zu Jahrhundertbeginn mit dem Diktator Manuel Estrada abgeschlossen hatte, garantierten ihr neben der Monopolstellung im Transportwesen auch völlige Steuer- und Abgabenfreiheit bis zum Jahre 2009. Auch der Diktator Jorge Ubico, der 1931 an die Macht kam, war ein willfähriger Diener der UFC. Ein "Gesetz gegen Landstreicherei" besagte, daß Indios, also die Mehrheit der Bevölkerung, stets ein Arbeitsbuch mit sich führen mußten, in dem die unentgeltlich geleisteten Arbeitstage verzeichnet wurden. Bei "geringer Arbeitsleistung" konnten Indios zu sechs Monaten Plantagenarbeit, etwa bei der UFC, verurteilt werden.

1936 verlängerte Ubico die günstigen Konzessionen für die UFC und erteilte ihr zugleich eine Genehmigung zum Bananenanbau am Pazifik. Die Verträge waren durch das New Yorker Anwaltsbüro Sullivan & Cromwell, in dem die Brüder Allen und John Foster Dulles beschäftigt waren, ausgearbeitet worden. Die Bedingungen waren ebenso haarsträubend wie die Konzessionen, die Ubicos Vorgänger Estrada der UFC zum Bananenanbau in der Atlantikregion gewährt hatte. Abermals erhielt der Konzern Steuerfreiheit für 99 Jahre, das Eisenbahnmonopol und eine Genehmigung für die zollfreie Einfuhr von Gütern. Der Arbeitslohn wurde per Regierungsdekret gedrückt.

Als im Oktober 1944 der Diktator Ubico durch ein breites Oppositionsbündnis gestürzt wurde, erlebte auch Guatemala seinen demokratischen Aufbruch. Die Präsidenten Juan José Arévalo und ab 1951 Jacobo Arbenz leiteten längst überfällige Reformen ein. Insbesondere die Regierung Arbenz versuchte ernsthaft, die sozio-ökonomischen Verhältnisse des Landes umzugestalten. Infrastrukturprojekte sollten das Transport-Monopol der UFC brechen. Kernstück der Veränderungen aber bildete eine moderne Agrarreform, die der Mehrheit der landlosen Bevölkerung und mithin der Entwicklung des Landes zugute kommen sollte. Von 1952-1954 wurden insgesamt 1,5 Millionen Hektar Land enteignet, auf dem man über 100.000 Landarbeiterfamilien ansiedelte. Auch die UFC verlor rund 70 Prozent ihres Grundbesitzes, wobei es sich jedoch ausnahmslos um unkultiviertes Land handelte. Als Entschädigung erhielt die US-Firma "nur" 1,2 Millionen Dollar; genau die Summe, die sie gegenüber guatemaltekischen Steuerbehörden über Jahre hinweg angegeben hatte.

Die Reformen verursachten Spannungen zwischen den USA und Guatemala, dem angeblichen "Brückenkopf des internationalen Kommunismus". Vor allem die UFC setzte ab 1952 alle Hebel in Bewegung, um die Regierung Eisenhower von der Notwendigkeit eines Sturzes der Regierung Arbenz zu überzeugen. Dazu brauchte es nicht viel, denn Außenminister John Foster Dulles und sein Bruder, CIA-Chef Allen Dulles, waren ehemalige Mitarbeiter des Rechtsanwaltbüros, das die Interessen der UFC vertrat. Auch waren führende Vertreter der Eisenhower-Administration Hauptaktionäre oder Vorstandsmitglieder der Bananengesellschaft.

Die bald einsetzende Medienkampagne gegen Guatemala und die Versuche zur Destabilisierung des Landes mündeten bald in einen heißen Bananen-Krieg. Am 17. Juni 1954 drang eine von der CIA geleitete, nur 300 Mann starke Söldnertruppe unter Oberst Carlos Castillo Armas wenige Kilometer nach Guatemala ein. Aufmarschbasis für den Luft- und Bodenangriff gegen Guatemala war Honduras, dessen Präsident Juan Manuel Galvez als ehemaliger Prokurist der UFC noch immer enge Beziehungen zum Konzern pflegte. Auch andere zentralamerikanische Diktaturen, etwa Nicaragua, wurden von Anfang an von der CIA in die Operation Success genannte Aktion eingebunden. Als die Invasion zu scheitern drohte, verlangte John Peurifoy, der amerikanische Botschafter in Guatemala, von den CIA-Chefs in Opa-Locka (Miami) eine Verstärkung der Bombenangriffe auf die Hauptstadt seines Gastlandes. Von Nicaragua aus starteten US-Piloten massive Angriffe auf Militäreinrichtungen, Krankenhäuser, Treibstofflager, Eisenbahnen und Schulen in Guatemala. Unter dem Eindruck des Terrors gegen die Zivilbevölkerung und der mangelnden Bereitschaft seiner Militärführung, Waffen an das Volk auszugeben, gab Arbenz am 27. Juni 1954 seinen Rücktritt bekannt. Am nächsten Tag teilte US-Außenminister Dulles in Washington der internationalen Presse den "Sturz des Präsidenten Arbenz in Guatemala" mit und sprach von einem "glorreichen Sieg über den Kommunismus".

Die Regierung des "Befreiers" Castillo Armas hob das Bodenreformgesetz von 1952 wieder auf, und die UFC erhielt 80.000 Hektar enteigneten Bodens zurück. Mit der Regierung des Obersten Castillo Armas begann in Guatemala das Blut zu fließen: Allein in den ersten drei Jahren nach dem Umsturz wurden rund 9.000 Menschen ermordet. Alle Gewerkschaften wurden verboten, und 70 Prozent der Erwachsenen entzog man das Wahlrecht, da Analphabeten aus den Wahllisten gestrichen wurden.

1958 leitete die UFC ihren langsamen Rückzug aus Guatemala ein und hinterließ Massenarbeitslosigkeit und Elend. So hausten noch in den 60er Jahren am Atlantikhafen Puerto Barrios viele Familien in ausrangierten Eisenbahnwaggons der UFC. Der von der UFC angezettelte Umsturz in Guatemala warf das Land (und Zentralamerika) nicht nur um Jahrzehnte in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Er "bescherte" Guatemala darüber hinaus in der 2. Hälfte des Jahrhunderts eine "Institutionalisierung der Gewalt": wechselnde Militärdiktaturen, ein 40 Jahre andauerndes, von der CIA gestütztes Terrorregime und mehr als 150.000 Tote.

‘"Die gegenwärtige Regierung hat der Gesellschaft die Konzession erteilt, die Eisenbahnlinie zum Atlantik, die wichtigste des Landes, von der fünf Teilstrecken schon fertiggestellt waren, zu Ende zu bauen und in Betrieb zu nehmen. Dieses Recht hat man uns zugestanden, ohne irgendwelche Zahlungen oder Gegenleistungen zu fordern."

...

"Der Vertrag sieht außerdem vor, daß der Gesellschaft kostenlos folgende Einrichtungen und Objekte zur Nutznießung überlassen werden: sämtliche Anlagen des Hafens - er ist ihr größter am Atlantik -, Gebäude, Waggons, Lokomotiven, Grundstücke, Telegrafenleitungen, Bahnhöfe, Wassertanks und das gesamte, in der Hauptstadt lagernde Material wie Schienen, Schwellen..."

"Sie sehen uns sprachlos, Mr. Maker Thompson. Der Mensch, der diesen Vertrag unterzeichnet hat, muß betrunken gewesen sein."

"Nein, betrunken war er nicht, allerdings schon ziemlich unsicher auf den Beinen. Aber es geht noch weiter. Man tritt uns auch das Gelände ab, auf dem sich die Lagerhäuser, Kais, Quellen befinden, das sind einhundertzwanzigtausend Hektar Land, ferner dreißig Häuserblocks im Hafen und rechts und links der Hafenanlagen einen Küstenstreifen, je hundert Yard breit und eine Meile lang."

"Warum haben Sie uns nicht gleich gesagt, daß die Annexion bereits vollzogen ist, Mr. Maker Thompson?" fragte der Senator für Massachusetts.

aus: Miguel Angel Asturias, Der grüne Papst

 

"Die Hauptvoraussetzung für die geplanten Umgestaltungen war die Agrarreform. Ihre Verkündung brachte gleichzeitig die Abschaffung der Knechtschaft, die Ausweitung des Binnenmarktes und Investitionen in neue Industriezweige. Die Tage für das Eisenbahnmonopol, das Bananen-, Hafen- und Strommonopol waren gezählt, als der Bau der Straße zum Atlantik, des neuen Hafens von Santo Tomás und des Wasserkraftwerks von Marinalá begann. Dies schadete natürlich der United Fruit Company (UFCO), der International Railroad of Central America (IRCA) und Bond and Share (Elektrizitätsfirma, KJ), aber es nutzte den Guatemalteken, die durch diese Firmen gezwungen waren, unter den primitivsten Bedingungen zu leben... In etwas mehr als einem Jahr erhielten mehr als 90.000 Bauern Brachland der nationalen Fincas, der guatemaltekischen Großgrundbesitzer und der UFCO, die alle mit der entsprechenden Entschädigung enteignet wurden. Die Weigerung der Regierung, die Ansprüche der UFCO - die im offenkundigen Widerspruch zu dem gesetzlich geregelten Wert standen - zu akzeptieren, war einer der Hauptgründe der offenen Intervention der USA in Guatemala."

Jacobo Arbenz in einem Interview mit Raúl Roa, das dieser 1954, kurz nach Arbenz’ Sturz, für die Zeitschrift Bohemia führte (abgedruckt in Quetzal Nr. 14, 1995).


Innenansichten aus einer "Bananenrepublik" – Beispiel Honduras

Nach dem Börsenkrach von 1929 kaufte die United Fruit Company die honduranische Cuyamel Fruit Company. Sam Zemurray, Sohn bessarabischer Auswanderer in die USA, hatte dieses honduranische Bananenimperium zu Beginn des Jahrhunderts aufgebaut. Der Kauf machte Zemurray, der in Honduras The Banana Man genannt wurde, zum größten Aktionär der UFC. In den 20er und 30er Jahren besaß die UFC auch in Honduras Eisenbahnlinien, Fernmeldeanlagen, Elektrizitätsfirmen, Zeitungen und Häfen und galt als der größte Arbeitgeber im Land. Die Regierung garantierte niedrige Steuern, niedrige Exportzölle und kostenlosen Landbesitz. So hatte die UFC die Hälfte ihrer Ländereien in Honduras kostenlos in Besitz genommen. Der sogenannte Rolstón-Brief von 1920 illustriert die Vorgehensweise nordamerikanischer Bananengesellschaften in Honduras.

In den 30er und 40er Jahren hatte die UFC in Diktator Tiburcio Carías (1933-1948) einen idealen Caudillo. Bauernaufstände ließ er kurzerhand aus der Luft, mit Maschinen der Zentralamerikanischen Lufttransport-Gesellschaft, bombardieren. 1936 bescherte eine Verfassungsänderung Carías die absolute Macht. Nur der Einflußnahme der UFC, die über die US-Botschaft erfolgte, konnte er sich nicht entziehen. In den 50er Jahren kontrollierte die UFC bereits 85 Prozent der Jahresexporte von Honduras. 1954 traten an der honduranischen Atlantikküste 40.000 hombres de machete (Bananenarbeiter) in einen Streik. Sie forderten eine Lohnerhöhung um 100 Prozent, menschenwürdige Unterkünfte und ärztliche Versorgung. Dieser Streik wurde außerhalb des Landes kaum zur Kenntnis genommen, da alle Welt auf die Vorgänge in Guatemala blickte. Die honduranische Regierung und die UFC beschuldigten die Streikführer der Komplizenschaft mit "guatemaltekischen Kommunisten", und die Regierung Galvez wies auch zwei guatemaltekische Diplomaten aus. Doch sechs Wochen nach Beginn des Streiks, der die UFC rund 20 Millionen Dollar kostete, gab der Multi nach: Die ArbeiterInnen erreichten eine Lohnerhöhung. Dieses Ergebnis war erstaunlich, wußte doch jeder um das heimliche und mächtige Regiment der UFC in Honduras. Daß Honduras in den 50er Jahren in Wirklichkeit eine heimliche Kolonie der USA und der UFC war, wurde besonders deutlich am Unwillen und Unvermögen der Regierung Galvez, sich den Aggressionsvorbereitungen gegen Guatemala zu widersetzen. Im Juni 1954 protestierten honduranische Studenten tagelang gegen die Komplizenschaft ihrer Regierung und gegen das offene Auftreten der guatemaltekischen "Befreiungskämpfer" um Castillo Armas in den Straßen der Hauptstadt Tegucigalpa.

Ende der 60er Jahren produzierte die UFC in Honduras jedes Jahr 11 Millionen Bananenbüschel für den Export in die USA. 1974 tötete der Hurricane Fifi mehr als 5.000 Menschen. 60 Prozent der honduranischen Bananenplantagen wurden zerstört, und 1,5 Millionen Campesinos waren vom Hungertod bedroht. Im gleichen Jahr gründeten die mittelamerikanischen Staaten die Union der Bananen exportierenden Länder (UPEB) und verlangten von den Bananenmultis höhere Steuern. Die United Brands Company (UBC), wie sich die ehemalige UFC seit 1970 nannte, versuchte mit allen Mitteln, das Kartell zu durchbrechen. Als 1975 UBC-Präsident Elie Black Selbstmord beging, tauchten in der US-Presse bald Vorwürfe gegen die UBC wegen Bestechungsgeldern an honduranische Politiker (Bananagate) auf. Auch europäische Beamte sollen bestochen worden sein, um eine Marktöffnung zu erreichen. 1975 kassierte Honduras nur noch 25 US-Cent Exportsteuer pro 40-Kilo-Bananenkiste statt der mit den anderen Ländern Mittelamerikas vereinbarten 100 US-Cent, ein Verlust von immerhin 7,5 Millionen Dollar im Jahr für das bettelarme Land. Im April 1975 wurde Oberst Oswaldo López Arellano als Staatschef vom Obersten Rat der Streitkräfte wegen der Bestechungsaffäre abgesetzt. Seit 1964 hatte er ein Privatvermögen von 30 Millionen Dollar angehäuft. Im Gegensatz dazu verdiente ein Plantagenarbeiter in den 70er Jahren rund 30 Dollar pro Jahr. 1978 erklärte sich die UBC vor einem US-Bundesgericht schuldig: Allein an den honduranischen Wirtschaftsminister Ramos hatte sie 2,5 Millionen Dollar gezahlt. Der UBC war es gelungen, die honduranische Exportsteuer auf Bananen deutlich zu senken und die Absprachen der Union der Bananen exportierenden Länder zu durchlöchern. Die UBC erhielt die Höchststrafe von 15.000 Dollar.


Honduras: Mit Soldaten gegen Streikende

Tegucigalpa (ap) Mit einem massiven Militäreinsatz ist die honduranische Regierung gegen 4.000 streikende Arbeiter vorgegangen, die seit 41 Tagen Grundstücke der amerikanischen Gesellschaft Chiquita Brands International besetzt hielten. Soldaten rückten nach Angaben aus Militärkreisen am Samstag in der nordhonduranischen Stadt La Lima ein, wo die Streikenden seit Beginn ihres Ausstandes am 25. Juni Chiquita-Bürogebäude besetzt hielten. Dabei wurden nach Angaben der Gewerkschaft mindestens zwei Arbeiter von Schüssen verletzt und zwei weitere geschlagen.

Die Regierung will den Streik beenden und kündigte an, sie werde der Firma, die weltweit Bananen und andere Südfrüchte vertreibt, die Einstellung neuer Arbeitskräfte und die Wiederaufnahme der Produktion gestatten. Auf den Chiquita-Bananenplantagen in Honduras werden fast zwei Drittel der für den Export bestimmten Bananen angepflanzt. Bananen sind das wichtigste Ausfuhrgut des mittelamerikanischen Staates.

Vor dem Militäreinsatz am Samstag hatte Chiquita Brands eine Forderung der Arbeiter nach 30 Prozent mehr Lohn abgelehnt. Aus Militärkreisen verlautete, mindestens 600 Soldaten würden in La Lima bleiben, um "die Ordnung wiederherzustellen". Die Situation in der Stadt sei angespannt. Am Sonntag würde das Militär die Ordnung in allen Bananenplantagen wiederherstellen.

aus: TAZ, 6.8.1990


Chronolgie: Die Ära Lindner

1976 Carl Lindner, heutiger Chiquita-Präsident und Gründer der American Financial Corporation (AFC) wird einer der UBC-Direktoren.

1984 Zwei von Lindners Söhnen werden UBC-Direktoren. Die UBC finanziert den Wahlkampf Ronald Reagans.

1985 Die UBC verlegt ihren Firmensitz von New York nach Cincinnati.

1986 Die UBC erwirtschaftet 52 Prozent der Gewinne (3,3 Milliarden Dollar) der AFC.

1987 Carl H. Lindner kauft die UBC.

1990 Die UBC benennt sich um in Chiquita Brands International (Chiquita).

1991 Chiquita steigt mit der Tochterfirma Frutas Dominicanas in die Ananas-Produktion in der Dominikanischen Republik ein.

1992 Chiquita kauft die Friday Canning Corporation. Better Banana Project (siehe Kasten).

1993 Die erste Chiquita-Plantage erhält das sog. Eco-OK-"Umweltsiegel" der Rainforest Alliance.

1997/98 Chiquita erwirbt weitere Nahrungsmittelfirmen.

1998 Der Hurricane Mitch hinterläßt rund 20.000 Tote in Honduras, Nicaragua und El Salvador. In Honduras werden fast alle Bananenplantagen vernichtet.

 

Layout: Ab Die 90er Jahre bis incl. Handelskriegspolitik statt Handelspolitik muß ich den Text noch überarbeiten. Dabei wird der Umfang weitgehend identisch bleiben!


Die 90er Jahre

Auch in den 90er Jahren stehen die Zeichen auf Expansion. Chiquita erwirbt mehrere Nahrungsmittelfirmen, so etwa 1992 die Friday Canning Corporation, den führenden Produzenten von Gemüsekonserven in den USA. 1991 steigt Chiquita Brands durch ein Joint Venture-Unternehmen mit der Chiquita-Tochterfirma Frutas Dominicanas in der Dominikanischen Republik in die Ananas-Produktion für den US-Markt ein. Die konservative Regierung des dominikanischen Präsidenten Balaguer bringt keine Agrarreform zustande. Statt dessen verfolgt sie eine Diversifikation in der Agrarwirtschaft und vergibt unrentable Zuckerrohrplantagen aus dem Staatsbesitz an ausländische Investoren, die allein Tropenfrüchte für den Export anbauen.

In der Hoffnung, neue Absatzmärkte in Osteuropa zu erschließen, expandiert Chiquita massiv an der costarikanischen Atlantikküste. Neue Anbauflächen, die zum Teil zu Nationalparks gehören, werden aufgekauft. So gehört der kleine mittelamerikanische Staat seit den 90er Jahren zu den größten Bananen-produzierenden Ländern der Welt und gilt als Großimporteur von hochgiftigen Pestiziden. Schlechtes Management, falsche Entscheidungen und Probleme mit der Europäischen Union, die 1993 ihre Bananenmarktordnung verkündet, lassen die Chiquita-Firmenaktie in den 90er Jahren jedoch um 64,4 Prozent fallen. Auf wachsende Proteste von Umweltgruppen vor allem aus Europa reagiert Chiquita mit der Einführung des "ECO-OK-Umweltlabels" und der Verkündung des Better Banana Project. 1993 erhält die erste Chiquita-Plantage das umstrittene "Umweltsiegel" der Rainforest Alliance.

Aber auch in der großen Politik mischt Chiquita immer noch aktiv mit. Zwischen 1988 und 1997 "investierte" das Lindner-Imperium, dessen Wert auf 13 Milliarden Dollar geschätzt wird, rund 3,2 Millionen Dollar in Washington.

Dabei ging es der Firma seit 1993 vor allem darum, die Europäische Bananenmarktordnung (GMO), die in der EU u.a. zu einer Begrenzung der von Chiquita importierten sog. Dollarbananen aus Zentralamerika führte, zu kippen. Denn laut Chiquita sind die Verluste der 90er Jahre allein auf die protektionistische GMO zurückzuführen. Über unternehmerische Fehlentscheidungen wie die umstrittene Expansion in Mittelamerika oder die Ausweitung von Transportkapazitäten wird in Cincinnati nicht (öffentlich) nachgedacht. Um daher den Sturz der GMO zu erreichen, unternahm das Unternehmen gezielte Maßnahmen, durch die die US-Regierung und -Administration davon überzeugt werden sollte, daß die GMO vor die Genfer Welthandelsorganisation WTO zu bringen sei. Mit ihrer wirkungsvollen Lobbyarbeit in Washington und gezielter politischer ‘Spenden’ erwarb die Firma tatsächlich erheblichen Einfluß auf die Clinton-Administration aber auch auf die republikanische Mehrheit im Kongreß:

 

"Lindner ... arbeitete unermüdlich daran, Washingtons Unterstützung zu bekommen, um die Geschicke seiner bekannten Chiquita Brands Bananenfirma zu ändern, die allein zwischen 1992 und 1994 346 Millionen Dollar Verluste einfuhr", schrieb das Time-Magazine im Januar 1996, um dann im einzelnen aufzulisten, welche Summen wann an welche Politker flossen: "Er und seine Firmen verteilten zwischen 1988 und 1994 1,3 Millionen Dollar an Republikanische Ausschüsse, während in Demokratische Schatullen 625.000 Dollar flossen. Linders Hauptfirma, die American Financial Group, zahlte in der ersten Hälfte 1995 zusätzliche 140.000 Dollar an die Republikaner und letzten Oktober weitere 40.000 Dollar an den Nationalen Republikanischen Senatsausschuß, just zu der Zeit, als Dole Chiquitas Interessen in den Kongreß brachte. Auch überwies Lindner 100.000 Dollar an die heute nicht mehr existierende Stiftung, die Doles Kandidatur für die Präsidentschaft unterstützte."

Dabei hat diese Form der vornehmen finanziellen Unterstützung demokratischer Mandatsträger durchaus System. Denn der fast achtzigjährige Carl Lindner, Eigentümer und Vorstandsvorsitzender von Chiquita Brands, ist nicht zu unrecht stolz auf seine Kontakte im Weißen Haus und im Kongreß. Mehr als andere Firmenmanager ist er davon überzeugt, daß gute Kontakte zu PolitikerInnen in Washington für das Wohlergehen einer Firma äußerst wichtig sind. Mehrere Ex-Präsidenten zählte Lindner zu seinen Freunden, und auch zu Präsident Clinton hat Lindner einen guten Draht. Obwohl selbst Republikaner, hat Lindner immer auch die Demokraten mit großzügigen Parteispenden bedacht. Er gilt nicht nur als einer der großzügigsten Sponsoren, sondern mit seinen Zuwendungen an beide Kongreßparteien auch als Pionier des "double giving". Diese Strategie scheint dabei durchaus aufzugehen:


Chiquita und die Medien

Schon in den 50er Jahren leisteten die PR-Berater der UFC eine aus ihrer Sicht hervorragende Pressearbeit. Damals wollte die Gesellschaft die AmerikanerInnen zu der Ansicht bringen, daß in Guatemala etwas Böses im Gange wäre. Über eine halbe Million Dollar pro Jahr ließ sich die Firma die Kampagne gegen die demokratisch gewählte Regierung Arbenz kosten. Mehrere Pressetouren durch Guatemala hatten eine Flut von antiguatemaltekischen Berichten in der amerikanischen Presse zur Folge. Guatemalas Botschafter in den USA sah sich gezwungen, formell beim US-Außenministerium gegen das "falsche Bild" zu protestieren, das durch diese Publikationen erzeugt wurde. Die Kampagne gegen Guatemala war aus Sicht der UFC ein Erfolg, denn die Regierung Arbenz wurde gestürzt.

Weniger glücklich war Chiquita wohl mit der Rolle der amerikanischen Medien in der Aufdeckung des Skandals, der als Bananagate Furore machte. Als das Wallstreet Journal 1975 davon erfuhr, daß Chiquita den honduranischen Staatschef López Arellano bestochen hatte, veröffentlichte die Firma eine Pressemitteilung, in der die Zahlung einer Summe an einen honduranischen Beamten bestätigt wurde. Die Zahlung sei erfolgt, um eine Verringerung der honduranischen Exportzölle auf Bananen zu erreichen. Bananagate erregte als einer der größten Bestechungsfälle der nordamerikanischen Firmengeschichte großes Aufsehen in den Medien.

Im Mai 1998 startete die US-Tageszeitung Cincinnati Enquirer eine Serie, in der Chiquita ein betrügerisches Geschäftsgebaren, der Einsatz verbotener Pestizide in Mittelamerika und Bestechung vorgewurfen wurden. Der Fall endete mit einer fast ganzseitigen Entschuldigung auf der ersten Seite der Tageszeitung, dem Versprechen, 10 Millionen Dollar Wiedergutmachung zu zahlen und der Entlassung des verantwortlichen Mitarbeiters Mike Gallagher, obwohl dessen Vorwürfe nie wiederlegt wurden. "Es drängt sich der Verdacht auf, daß Carl H. Lindner, der Chiquita-Mehrheitseigner, dem bis vor kurzem der Cincinnati Enquirer gehörte, Druck auf die Zeitung ausübte, um eine unliebsame Geschichte zu unterdrücken", schrieb die TAZ am 25.7.98.

Die USA sind sauer auf Costa Rica

San José (ips) Präsident Bill Clinton hat in einem Brief an seinen costarikanischen Amtskollegen José María Figueres der Regierung in San José vorgeworfen, mit der Unterzeichnung eines Bananen-Exportquotenabkommens mit der EU gegen die Interessen des US-Unternehmens Chiquita Brands International zu verstoßen. Die costarikanische Seite reagierte mit Befremden. Es sei merkwürdig, daß San José einerseits vorgeworfen werde, Chiquita zu schaden und andererseits eine auf Drängen des Bananenmultis eingeleitete Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei, sagte Außenhandelsminister José Rossi.

Costa Rica, Kolumbien, Nicaragua und Venezuela hatten sich im März 1994 mit der EU auf Exportquoten geeinigt. Chiquita hatte im September 1994 die US-Handelsvertretung in Costa Rica aufgefordert, das Vorgehen des zentralamerikanischen Staates und Kolumbiens zu überprüfen.

aus TAZ, 20.04.1995

Handelskriegspolitik statt Handelspolitik

San José (ips) Die USA haben Costa Rica Handelssanktionen angedroht, nachdem es zu einem Streit mit dem US-Bananen-Multi Chiquita Brands und dem Telefonunternehmen Millicon International gekommen ist. Die US-Regierung drohte an, Costa Rica aus der "Initiative für das Karibikbecken" (ICC) auszuschließen. Damit würden costarikanische Einfuhren in die USA mit Zöllen belegt...

aus: TAZ, 30.05.19


 Schmutzige Bananen

Eine typische Begleiterscheinung des monokulturellen Anbaus von hochgezüchteten, allein für den Export bestimmten Obstbananen ist der massive Einsatz von Pestiziden, einer Unmenge von Giften, mit denen allein den vielen Schädlingen, den rund 70 Bakterien-, Pilz-, Wurm- und Insektenarten noch beizukommen ist. Denn ohne den Einsatz dieser hochgiftigen Chemikalien sind die in Monokulturen gezüchteten Pflanzen durch Schädlinge und Pflanzenkrankheiten extrem gefährdet. Für die chemische Industrie ist daher die industrielle Bananenproduktion ein höchst einträglicher Sektor. Kaum erstaunlich ist es, daß der Einsatz sog. Agrochemikalien mittlerweile den Hauptteil der Produktionskosten in der Bananenaufzucht darstellt. Landkauf, Verpackstationen oder gar die Lohnkosten fallen dagegen gering aus.

So wird mit allen Mitteln versucht, eine unnatürliche Anbauweise gegen eine vermeintlich bezwingbare Natur durchzusetzen. Eine Bananenplantage wird bis zu 40 Mal pro Jahr im Tiefflug überflogen und mit Pestiziden besprüht, und in den Plantagen sind bei großer Hitze und Feuchtigkeit oft ArbeiterInnen ohne Schutzkleidung und Atemschutzgeräte, aber mit Handpumpen unterwegs und bringen gefährliche Gifte aus. Die Natur verkraftet diesen Chemie-Cocktail kaum. Die Gifte gelangen über die unvermeidlichen, die Plantagen durchziehenden Bewässerungskanäle in die natürlichen Flußläufe, in den Boden, in die Nahrungskette und ins Meer. Der Boden einer monokulturell genutzten Bananenplantage ist zumeist nach 20 Jahren völlig ausgelaugt. Neue Flächen, ob Urwald oder Ländereien, die Kleinbauern in Subsistenzwirtschaft nutzen, werden abgeholzt bzw. erschlossen.

Die bis zu drei Meter hohen Bananenstauden sind derart überzüchtet, daß sie ohne die Befestigung durch Plastikseile (piola) sofort umknicken würden. Dieses synthetische Produkt läßt den riesigen Müllberg aus Plastik in der costarikanischen Provinz Limón ebenso anschwellen wie die innen mit Insektiziden behandelten Säcke, die den noch unreifen Bananen zwecks Bekämpfung von Schädlingen übergestülpt werden. In Costa Rica gibt es nur zwei Anlagen für die Wiederverwertung von Plastik, die bei weitem nicht in der Lage sind, den gesammelten anorganischen Unrat der Bananenwirtschaft in der Provinz Limón zu verarbeiten. Da ändern auch kosmetische Korrekturen, etwa eine von Chiquita konstruierte blaue Hängebrücke aus wiederverwertetem Plastik, nichts an der Tatsache, daß überall in der Gegend der blaue Plastikmüll herumliegt.

Von der wirtschaftlichen und politischen Öffnung Osteuropas versprach sich gerade Chiquita Brands neue Absatzmärkte. Deshalb setzte der Multi auf Expansion. Folglich verdoppelte sich etwa in Costa Rica die Fläche des monokulturellen Bananenanbaus zwischen 1985 und 1992 auf 52.000 Hektar. Dies entspricht ca. einem Prozent der Gesamtfläche bzw. 20 Prozent des agrarisch genutzten Fläche des Landes oder konkreter ausgedrückt: man stelle sich einen ein Kilometer breiten Streifen zwischen Köln und Paris (520 Kilometer) vor. Während die costarikanischen Kaffee-Fincas, die sich 150.000 Familien teilen, eine Größe zwischen einem und fünf Hektar aufweisen, finden sich im Bananengürtel an der costarikanischen Atlantikküste ca. 200 Plantagen mit einer Größe zwischen 200-300 Hektar.

Die giftigen, teilweise höchst gefährlichen und zum Teil in den Herkunftsländern verbotenen Pestizide belasten Mensch und Umwelt in den "Bananenrepubliken". War früher etwa die Malaria das größte Gesundheitsproblem auf den Bananenplantagen in den küstennahen Feuchtgebieten, so sind es heute Vergiftungen der bananeros und deren Familien durch Arbeitsunfälle und massiven Chemieeinsatz. Sie alle gehen ein großes gesundheitliches Risiko ein, denn die Berührung mit Pestiziden kann irreparable körperliche Schäden zur Folge haben. Die Horrorliste der auf mittelamerikanischen Bananenplantagen aufgetretenen und noch immer auftretenden Vergiftungserscheinungen ist lang: Erbrechen, Kopfschmerzen, Krämpfe, Durchfall, Pilz- und Hauterkrankungen, Leberschäden, Hodenkrebs, Unfruchtbarkeit, Prostataerkrankungen, Tot-, Früh- und Mißgeburten, Geburten von verstümmelten Kindern, von Kindern ohne Hirn.

Für Chiquita ist dies alles kein Problem. In bewährter Manier, also immer voll des Eigenlobes und mit kaum zu überbietender Kaltschnäuzigkeit, verkündet der Fruchtmulti unter dem Stichwort "Enviro Chiquita" weltweit per Internet, Chiquita sei in Umweltfragen als führende Firma in der lateinamerikanischen Bananenindustrie anerkannt und stolz auf das, was bisher erreicht wurde, um Mensch und Umwelt zu schützen. Die Führerschaft auch in dieser Frage stehe aufgrund der angewandten "aufgeklärten agrikulturellen Praktiken" außer Frage.

Stolz stellen die Chiquita-Bananenmanager ihre Zusammenarbeit mit der New Yorker Rainforest Alliance und bis vor kurzem mit der costarikanischen Fundación Ambio vor. Diese hatten zusammen mit Regierungsvertretern und Pflanzern im November 1992 das ECO-OK-Label "Banana Amigo" vorgestellt. Hintergrund: Das mittelamerikanische Costa Rica rühmt sich seit Jahren seiner natürlichen Reichtümer und Nationalparks, die zu einem wahren Boom des ‘sanften’ Tourismus geführt haben. Das Bewußtsein um den Erhalt der natürlichen Reichtümer droht jedoch aufgrund wirtschaftlicher Einflüsse zu einer Politik der leeren Worthülsen zu verkommen, was etwa in dem inflationären Gebrauch von Begriffen wie Eco und Bio deutlich wird.

Die Kriterien für die Verleihung des ECO-OK-Labels sehen allerdings nur Selbstverständlichkeiten, in erster Linie die Einhaltung bestehender Gesetze, vor. Vorgeschrieben sind: die Verringerung des Pestizideinsatzes, die Schulung der Arbeiter im Umgang mit gefährlichen Chemikalien, die Beschränkung des Raubbaus an den Regenwäldern. Alle anderen, wirklich ökologischen Maßnahmen, die die Verleihung eines Umweltsiegels rechtfertigen, etwa die Einschränkung der monokulturellen Plantagenwirtschaft, Diversifizierungsmaßnahmen oder das Verbot zumindest aller hochgiftigen Pestizide, bleiben zumeist außen vor. Auch finden die sozialen Probleme und Bedingungen, unter den Bananen produziert werden, keine Erwähnung.

Und schließlich, so die Kritiker des Labels, häufen sich die Hinweise, daß es sich bei diesen ohnehin unzureichenden Kriterien um reine Kosmetik und Lippenbekenntnisse handelt, die den Multi reinwaschen sollen, ohne daß substantielle Änderungen vorgenommen werden. Dennoch besitzen seit 1997 alle von Chiquita kontrollierten Plantagen in Costa Rica, also die der Tochterfirmen Compañía Bananera Atlántica Ltda. (COBAL) und der Chiriquí Land Company, das ECO-OK-Zertifikat. Ein Blick auf die wirkliche Situation bei Chiquita in Costa Rica und auf die Zustände in der Bananenregion allgemein genügt, um das Better Banana Project als Verschleierungstaktik zu entlarven.

Allein im costarikanischen Bananengürtel an der Karibikküste, wo sich die 29 Chiquita-Plantagen des Landes konzentrieren, kommen pro Jahr 12.000 Tonnen Pestizide zum Einsatz, darunter auch hochgiftige Stoffe wie Pestizide gegen Fadenwürmer. Es handelt sich bei diesem Gift-Cocktail nicht nur um die zehnfache Menge dessen, was pro Hektar bei Intensivlandwirtschaft in Deutschland Anwendung findet, sondern auch um bis zu 240 Markenprodukte in riesigen Mengen. Das kleine mittelamerikanische Land ist ein Großimporteur von Pestiziden. In sechs Fabriken werden sie zu gefährlichen Endprodukten gemischt.

Eine dieser Fabriken, RIMAC, liegt mitten in einem Wohngebiet der Stadt Cartago. RIMAC stellt u.a. die Nematizide Terbufos und Carbuforan her. Bei mehreren Unfällen kamen hier in den vergangenen Jahren Menschen in Kontakt mit den Giften. Sie mußten im Krankenhaus behandelt werden. Regelmäßig klagen die Anwohner über Kopfschmerzen und Übelkeit. Nicht besser sieht es für die Bewohner des Stadtviertels París in San José aus. Dort produziert das Chiquita-Tochterunternehmen Polymer Plastikpak seit Jahren die blauen Plastiksäcke, die innen mit dem gefährlichen Plagizid Chlorpyrifos beschichtet sind und die den unreifen Bananen an der Staude übergestülpt werden. Hier klagen die Anwohner über Geruchsbelästigung, Atembeschwerden und Hautreizungen.

Die Unmengen an Fungiziden, Nematiziden und Insektiziden, die auch Chiquita weiterhin in Costa Rica einsetzt, bedrohen die einzigartige Biodiversität des Landes. Selbst das für Fische giftige und potentiell krebserregende Herbizid Roundup wird eingesetzt, obwohl andere Produzenten zeigen, daß man auf den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln verzichten kann. Dabei könnte man auf dessen Einsatz durch entsprechende mechanische Pflanzenpflege verzichten. Über die zahlreichen Wasserläufe und Flüsse, an denen Bananen-Fincas wegen des hohen Wasserverbrauchs meist angelegt werden, gelangen die Gifte ins Grundwasser und in die karibische See, wo sie langsam die der Küste vorgelagerten Korallenriffe zerstören. Immer wieder kommt es aber auch zu tödlichen Arbeitsunfällen durch Vergiftungen. Im gesamten Land erlitten 1997, laut Angaben der Tageszeitung "La República", 827 Menschen Vergiftungen durch Pestizide. Bei diesen Arbeitsunfällen steht die Provinz Limón an erster Stelle. So starb etwa im November 1997 ein 18-jähriger Junge, der auf einer Chiquita-Plantage ein hochgiftiges Pestizid eingeatmet hatte (siehe Kasten).

ArbeiterInnen der Chiquita-Plantage "Gacelas" berichteten im Februar 1998 von Fungizid-Besprühungen der Plantagen aus Flugzeugen, während sie auf den Feldern arbeiten. Diese Luftbesprühungen richten sich gegen die sogenannte Sigatoka Negra, eine Pilzerkrankung der Blätter, die zu einer verfrühten Reifung der Früchte führt. Kaum eine Plantage in Mittelamerika bleibt von der Seuche verschont. In seinen ECO-OK-Richtlinien hat sich Chiquita zu einer Reduzierung der Besprühungen aus der Luft und zur Entwicklung umweltverträglicher Technologien für die Bekämpfung der Sigatoka Negra "verpflichtet". Doch bisher konnte der Befall nur durch einen erhöhten Pestizideinsatz kontrolliert werden. Während 1990 rund 30 Einsätze pro Jahr und Plantage notwendig waren, sind es nunmehr, laut Chiquita, bereits 35-40 Einsätze, und gegen viele Chemikalien hat die Sigatoka Negra im Gegensatz etwa zu Vögeln und Fischen Resistenzen entwickelt.

Zudem ist bei einer solchen fumigación aérea, je nach Windrichtung, nicht zu verhindern, daß selbst die Wohnblöcke der Familien mit Fungiziden besprüht werden. Diese Praxis widerspricht den von der Rainforest Alliance und Chiquita selbst im Better Banana Project aufgestellten Richtlinien. Diese sind offensichtlich das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Denn nach wie vor kommen auch auf Chiquita-Plantagen in Costa Rica ArbeiterInnen, Kinder und schwangere Frauen mit hochgiftigen Chemikalien in Berührung. Dies bestätigte auch Luisa Castillo, die Koordinatorin des Pestizidprogramms der Nationalen Universität von Costa Rica, in einem Interview, das BanaFair 1997 mit ihr führte. Auch gibt es nach ihrer Einschätzung im Rahmen des ECO-OK-Programms, auf das sich Chiquita bei der Zertifizierung seiner Bananen stützt, keinen geringeren Einsatz von Agrochemikalien. Und in einem ebenfalls 1997 geführten Interview mit BanaFair nennt Roxana Salazar, Geschäftsführerin der Fundación Ambio in San José, den wahren Grund für die bewußte Gefährdung der Menschen in den Plantagen: "Wenn Sie einem Bananenproduzenten sagen, daß er 100 Meter Freiraum zwischen Pflanzung und Häuser lassen solle, holt er den Taschenrechner heraus und sagt, das koste ihn soundsoviel. Denken Sie daran, wir sprechen auch über Geld."

In anderen Ländern sieht es zumeist noch schlecher aus. Doch ist es Chiquitas erklärtes Ziel, auch die Plantagen in Panama, Kolumbien oder Honduras mit dem ECO-OK-Label zertifizieren zu lassen. Auf den Chiquita-Plantagen im Norden Panamas sind es die Guayami-Indianer, die ohne Schutzkleidung die gefährlichen Unkraut- und Wurmbekämpfungsmittel ausbringen müssen. Um das Gesundheitsrisiko und Ausfallkosten zu minimieren, führten die Vorarbeiter dort das Rotationsprinzip ein: Ein Arbeiter soll nie länger als eine Woche mit dem Ausbringen des Nematizides Nemacur beschäftigt sein. Dennoch verursachte der Nematizid-Einsatz auf diesen Chiquita-Plantagen Vergiftungs- und Todesfälle unter den Guayami-Indianern. Eine Studie der medizinischen Fakultät in Panama-City hat die Folgen auf Mensch und Umwelt untersucht, doch das Ergebnis bleibt folgenlos, da die Regierung kein Interesse an einer Verfolgung der Schuldigen hat. In Honduras verklagten im August 1997 5.000 ArbeiterInnen Chiquita Brands wegen der Spätfolgen hochgiftiger Pestizide auf Schmerzensgeld. In den USA droht derzeit dem Konzern und seinen Konkurrenten Standard Fruit und Del Monte eine Klage von 20.000 BananenarbeiterInnen aus mehreren Ländern. Der Grund: Auf konzern-eigenen Plantagen wurde das hochgiftige DBCP trotz genauer Kenntnisse um die Folgen ausgebracht (siehe Kasten).

Auch die anderen Fruchtmultis, Dole und Del Monte, setzen ihre ArbeiterInnen und die Umwelt gefährlichen Giften aus. Doch sie haben in Europa bislang nie massiv damit geworben, in Zusammenarbeit mit Umweltorganisationen besondere Anstrengungen für Mensch und Umwelt zu unternehmen. Allein Chiquita setzt auf diese Werbestrategie, denn der Fruchtmulti aus Cincinnati will offensichtlich nur deshalb in den Genuß von Zertifikaten kommen, um die nicht eingeweihten, aber auf Ökologie bedachten VerbraucherInnen für sich zu gewinnen.

Tod des Gredi Mauricio

Februar 1998: Besuch im Büro der costarikanischen Landarbeitergewerkschaft SITAGAH in Puerto Viejo de Sarapiquí. Dort wird vom qualvollen Tod des 18-jährigen Gredi Mauricio Valerín Bustos auf der "Finca 96", die dem US-Multi Chiquita gehört, berichtet. Der Junge starb am 14. November 1997, Minuten nachdem er mit einem hochgiftigen, die Muskeln lähmenden Pestizid in Kontakt gekommen war. Das Opfer selbst war nach Angaben der ArbeiterInnen nicht mit Pestizidspritzungen beauftragt. Doch hatte ein Vorarbeiter Gredi Mauricio, unter Umgehung aller Vorschriften, alleine und ohne Schutzkleidung in den vergifteten Abschnitt geschickt. Die Familie des Jungen hat bisher, laut Angaben der bananeros, keine Entschädigung bekommen, da die Plantagenleitung von einem Selbstmord des Jungen ausgehe. In der costarikanischen Presse fand der Todesfall nur ein geringes Echo.

Entschädigungsklagen von Pestizidopfern

Der Verein Asociación de Trabajadores y Medio Ambiente (ASOTRAMA) aus Puerto Limón koordiniert einen Teil der Schadensersatzansprüche der mehr als 12.000 costarikanischen PlantagenarbeiterInnen, die durch den Giftstoff DBCP gesundheitlich geschädigt wurden. DBCP war in den Wurmgiften Nemagon und Fumazon enthalten, die ab den 60er Jahren bis Anfang der 80er Jahre in Bananenplantagen eingesetzt wurden. Die bekanntesten Gesundheitsschädigungen sind Sterilität und Hodenatrophie, doch schädigt DBCP auch Nieren und Leber. In den USA, wo Arbeiter in den Herstellerfirmen steril wurden, verbot man das Gift 1977, in Costa Rica erst 1979. Doch Restbestände wurden noch Anfang der 80er Jahre ausgebracht. Die Gesundheitsschädigungen erstrecken sich auch auf die zweite Generation, viele Kinder kommen mit Hirnschädigungen und anderen Mißbildungen zur Welt. ASOTRAMA besteht auf Entschädigung durch die Herstellerfirmen wie Dow Chemical und Shell Oil sowie durch die Anwenderfirmen Chiquita Brands, Dole oder Del Monte. Weil der US-Multi Standard Fruit Co. keine Entschädigung an 2.000 nicaraguanische Pestizidopfer zahlen will, verhängte im April 1998 ein Gericht in Managua ein Ausfuhrverbot für Standard Fruit-Bananen. 37 LKWs mit insgesamt 9.000 Kisten Bananen wurden an der Grenze zu Honduras festgehalten. Auch in Honduras verklagten ArbeiterInnen Chiquita Brands wegen der Spätfolgen hochgiftiger Pestizide auf Schadensersatz. Der Bericht eines Krankenhausdirektors erregte dort 1998 Aufsehen, da in ihm von Babys die Rede war, die ohne Gehirn zur Welt kamen, weil die Körper der Eltern DBCP-vergiftet waren. Schätzungsweise sind etwa 25.000 Menschen weltweit erkrankt, weil sie DBCP ausgesetzt waren.

Testimonial eines Chiquita-Bananeros

"Ich erinnere mich an einen Tag, als ich noch in Manteco arbeitete. Man gab mir da ein Arbeitsgerät mit drei Sprühdüsen. Doch verklebten diese in der Hitze, und ich mußte sie von dem wirklich tödlichen Zeug reinigen. Was die Schutzkleidung betrifft, kann ich nur sagen, daß man sie höchstens eine Stunde tragen kann. Hier ist es sehr heiß, und diese Art von Schutz macht die Hitze unerträglich. Dabei riecht man, selbst wenn man die Maske trägt, den Geruch ständig. Ich weiß nicht, warum man momentan das Thema der Unfruchtbarkeit nicht mehr anspricht. In der Tat haben unsere Körper bereits die Chemikalien aufgenommen. Man gab uns ja erst sehr viel später Handschuhe und Schutzmasken. Von damals sind viele von uns sehr geschädigt, und mittlerweile sind sogar unsere Kinder schon total verseucht. Wir sehen, daß es für den Schutz der Jugend schon zu spät ist. Damit sich diese Arbeitsbedingungen ändern, ist es vor allem nötig, daß der Leiter einer Plantage seine Arbeiter respektiert. Damit man sich besser vor den Chemikalien schützen kann, würde es uns schon viel helfen, wenn er zum Beispiel die Zeit festlegen würde, in der die Pestizide ausgebracht werden." (Sarapiquí, Costa Rica, 1998)


Mißgebildete Kinder

Panama-Stadt (ips) Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums werden in Panama sechs mal mehr Pestizide und Kunstdüngemittel eingesetzt, als im weltweiten Durchschnitt. Besonders belastet sind die Provinzen Chiriqui und Bocas del Toro, wo der Bananenmulti Chiquita tätig ist... Die Bananenarbeitergewerkschaft glaubt, daß Chiquita immer noch Substanzen verwendet, die in Panama längst verboten sind. Immer mehr Fische, Enten und andere Tiere verenden.

...

Juan José Arenas, Ratsmitglied der Gemeinde Santa María, ging ... an die Öffentlichkeit. Er hatte miterlebt, daß mißgebildete Säuglinge geboren wurden. Schulkinder litten an Brechreiz, weil die Luft durch die Pestizidsprühflugzeuge belastet sei. Eine Studie der Universität von Panama ergab, daß 50,4 Prozent aller Arbeitsunfälle, die sich in jenem Jahr in Chiriqui und Azuero ereigneten, auf den Kontakt mit Agrochemikalien zurückzuführen waren. Nach den Statistiken des Krankenhauses der Sozialversicherungskasse von Chiriqui und Bocas del Toro lassen sich jeden Monat mehr als 200 Bananenarbeiter wegen akuter Vergiftungen und Hautkrankheiten behandeln.

aus: TAZ, 04.11.1995

Bittere Bananen

Chiquita steht noch immer für Ausbeutung und Repression

Der monokulturelle Bananenanbau, den Chiquita Brands und andere multinationale Firmen in Lateinamerika betreiben, hat nicht nur unverantwortliche Folgen für die Gesundheit der ArbeiterInnen und für die Umwelt. Nicht minder haarsträubend sind die sozialen Auswirkungen dieser Produktionsweise. Doch ganz im Gegensatz zur Umweltproblematik äußert sich Chiquita in Selbstdarstellungen zum Thema soziale Verträglichkeit des Bananenanbaus kaum. Projektbeschreibungen, etwa die Beschreibungen der sogenannten Banana Amigo oder Better Banana Projekte lassen die soziale Problematik außen vor. Chiquita verfolgt in diesem Bereich offensichtlich eine andere Strategie, die an Tabus nicht rührt, wenn auch Firmenvertreter immer wieder gerne auf die sozialen Leistungen des Unternehmens hinweisen. So finden Plantagenbesuche von JournalistInnen oder TouristInnen meist auf einer Chiquita-Modellfarm statt, die über menschenwürdige Unterkünfte, Krankenhäuser oder Schulen verfügen. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Weit vorgewagt hat sich der Multi mit seinen Äußerungen im Zusammenhang mit der Katastrophe, die der Hurrikan Mitch im November 1998 in Honduras angerichtet hat. Chiquita stellt sich als großer Wohltäter dar und berichtet, daß in den ersten Tagen nach der Katastrophe Nahrungsmittel, Medizin und Transportleistungen im Wert von mehr als zwei Millionen Dollar geleistet wurden. Des weiteren heißt es in einer Presseerklärung vom 9.11.98: "Chiquita kennt die extreme Not seiner Arbeiter und arbeitet zusammen mit der honduranischen Gewerkschaft und Regierungsorganisationen daran, ein sinnvolles finanzielles Hilfsprogramm für seine Arbeiter für die Zeit des Lohnausfalls zu erstellen." Für einen Zeitraum von drei Monaten wolle man Lohnfortzahlungen garantieren. Zudem arbeite man "zusammen mit der Gewerkschaft" einen Beschäftigungsplan aus, um die Aufräumarbeiten angehen zu können.

Doch schon Ende Januar 1999 berichtet die TAZ, auch Chiquita habe in Honduras alle SaisonarbeiterInnen entlassen und die Festangestellten auf unbestimmte Zeit freigestellt. Die Gewerkschaften befürchteten, Chiquita wolle nunmehr massiv Arbeitsplätze abbauen und endlich all die Dinge durchsetzen, gegen die die GewerkschafterInnen zehn Jahre lang gekämpft haben. Selbst die Kredite, die Chiquita freigestellten ArbeiterInnen anbietet (20 Dollar pro Woche), nützen den Menschen kaum, denn "ich könnte das Geld nie mehr zurückbezahlen", berichtet eine alleinstehende Mutter dreier Kinder. Auf Chiquitas Ankündigung, nicht einmal mehr die Hälfte seiner 7.000 Hektar in Honduras zu bepflanzen, erwidert der Gewerkschafter Mauro González: "Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft. Und wir behalten uns das Recht vor, Ländereien zu besetzen, die von Chiquita oder Dole nicht mehr bebaut werden."

In der Regel ist Chiquita auf Gewerkschaften und auf ArbeiterInnen, die ums Überleben kämpfen, nicht gut zu sprechen. Beispiel Honduras: Im Sommer 1994 beschloß die Tela Railroad Company, das honduranische Tochterunternehmen der Chiquita Brands Company, drei unproduktive Fincas in der Nähe von San Pedro Sula zu schließen. 250 ArbeiterInnen wurden entlassen. Sie und ihre Familien entschlossen sich, das Land zu besetzen und es zur Sicherung ihres Auskommens zu bebauen. Ein Jahr später, im August 1995 brach der Konflikt offen aus: 500 bewaffnete Soldaten schritten, von der Regierung toleriert, brutal gegen die BesetzerInnen ein. Dies war auf Drängen der Tela geschehen, die einen Präzedenzfall befürchtete. Den ArbeiterInnen wurde ein Abkommen mit der Regierung für Ende September in Aussicht gestellt; eine Einigung konnte allerdings nicht erzielt werden.

1997 flammte der Konflikt von neuem auf. Obwohl es noch keine endgültige richterliche Entscheidung zu dem Fall gab, schritten am 1. Februar 500 Militärs und Polizisten gegen die Bauern auf Tacamiche ein. 104 Holzhütten wurden zerstört. 250 Landlose versuchten, sich in zwei Kirchen vor den Angriffen der Soldaten zu schützen. Doch umstellte das Militär die Zufluchtsorte und schnitt die Familien fünf Tage von jeglicher Wasser-, Strom und Nahrungszufuhr ab. Nur das Rote Kreuz hatte noch Zutritt.

Erst am Nachmittag des 5. Februar wurde den Bauern gestattet, die Kirchen zu verlassen. Sie verließen Tacamiche und zogen in das nahegelegene La Lima, bereit, ein Verhandlungsangebot der Regierung anzunehmen. Dort wurde ihnen Land für 90 Hütten zugestanden. Die Regierung verpflichtete sich, bis zum 5. April die Hütten zu errichten. Doch die von ihnen bestellten Felder in Tacamiche durften die Menschen nicht mehr betreten. Nach Aussage von Rafael Alegría handelte die Regierung auf Druck der Tela Railroad Company, deren Eigentumsverhältnisse mehr als undurchsichtig sind. Selbst in Honduras weiß bis heute niemand genau, wieviele der rund 50.000 von der Tela beanspruchten Hektar tatsächlich im Besitz der Gesellschaft sind.

Im Februar 1998 kam es zu Arbeitskonflikten auf mehreren Bananenplantagen in Guatemala, nachdem ArbeiterInnen der Plantagen Arizona und Alabama entlassen wurden, weil sie eine Betriebsgewerkschaft gründen wollten. Beide Fincas produzieren für COBIGUA, die guatemaltekische Niederlassung von Chiquita Brands. Da die ArbeiterInnen in den Streik traten und auf dem Fincagelände blieben, wurden sie vom Pächter wegen illegaler Besetzung angeklagt. Seither versuchen die Pächter immer wieder, unter Gewalteinsatz und mit Hilfe der Polizei die ArbeiterInnen vom Gelände zu vertreiben. Nach mehreren gescheiterten Vermittlungsversuchen, in die sich u.a. auch die Mission der Vereinten Nationen in Guatemala (MINUGUA) einschaltete, versuchen die Pächter nunmehr, die Probleme auf dem Gerichtsweg zu lösen. Der Einfluß Chiquitas auf ihre Pächter ist offenkundig: angeblich unabhängige Tochterunternehmen wie COBIGUA werden von Chiquita kontrolliert, und der Multi versucht, seine Bananen hauptsächlich von Plantagen zu beziehen, auf denen es keine gewerkschaftlichen Organisationen gibt.

In Costa Rica, der "Schweiz Mittelamerikas", wie Regierungsvertreter ihr Land gerne nennen, sieht es nicht viel besser aus: ArbeiterInnen der Chiquita-Plantage "Gacelas" klagten im Februar 1998 gegenüber deutschen JournalistInnen über die unmenschlichen Bedingungen, denen sie sich am Arbeitsplatz und an ihrem "Wohnort" inmitten der Finca ausgesetzt sehen. In die kleinen Baracken werden oft bis zu drei Familien hineingepfercht. Bis zu zehn Junggesellen schlafen in sogenannten baches (von engl. bachelor), in denen es an Matratzen fehlt, von Betten ganz zu schweigen. Die sanitären Einrichtungen, soweit überhaupt vorhanden, sind auch für anspruchslose Gemüter eine Zumutung. Vor allem jedoch beschwerten sich die ArbeiterInnen über antigewerkschaftliche Repressalien. Sie berichteten von "Strafversetzungen", der Zuweisung schlecht bezahlter und gefährlicher Jobs für Gewerkschaftssympathisanten und von schwarzen Listen, die über Gewerkschafter angelegt werden. Diese schwarzen Listen kursieren - so die Gewerkschaften - in den Unternehmen des Bananengürtels und sollen das Entstehen bzw. Erstarken von Gewerkschaften verhindern.

Statt dessen fördert die Bananenindustrie sogenannte "solidaristische Vereinigungen", die sich auch auf den Plantagen, quasi als arbeitgeberfreundlicher Ersatz für unabhängige Gewerkschaften, breitmachen. Vor allem dieses Kontrollinstrument soll ein Wiedererstarken der seit 1984 geschwächten Bananenarbeiter-Gewerkschaften verhindern (siehe Kasten).

Im Frühjahr 1998 berichtete die costarikanische Gewerkschaftsorganisation COSIBA über eine massive Behinderung ihrer Arbeit durch nationale und multinationale Bananenproduzenten. Die Mißachtung der costarikanischen Arbeitsgesetze, so die GewerkschaftsvertreterInnen, sind ebenso an der Tagesordnung wie Mißhandlungen, Menschenrechtsverletzungen und Entlassungen aufgrund gewerkschaftlicher Aktivitäten. Am Tor der costarikanischen Plantage El Ceibo S.A. wurde Ende 1997 auf einen Gewerkschaftsführer geschossen, und auf einer Chiquita-Finca in Sarapiquí wurden Gewerkschaftsführer mit dem Tode bedroht. Die Gewerkschafter klagten zudem über lange Arbeitszeiten und Niedriglöhne. Ein Erntearbeiter verdient im Durchschnitt nicht mehr als umgerechnet 20 Dollar am Tag, bezahlt wird nicht nach Stundenlohn, sondern nach Art der Arbeit. Von Gewerkschaftsfreiheit, so auch der Dachverband der Bananenarbeitergewerkschaft COSIBA, könne auf costarikanischen Bananenplantagen keine Rede sein. Wer sich organisiert, wird unter irgendeinem Vorwand entlassen; oftmals sogar ohne schriftliche Kündigung. So geschehen auf der Chiquita-Plantage Canfín S.A., die 1997 21 GewerkschafterInnen aus wenig plausiblen Gründen entließ.

Besonders prekär ist die soziale und rechtliche Situation vieler ArbeitsmigrantInnen aus Nicaragua und Panama, die sich häufig ohne Papiere in Costa Rica aufhalten und mithin der auf Profitmaximierung gerichteten unternehmerischen Willkür sowie einem gnadenlosen Lohndumping ausgesetzt sind. Die Gewerkschaften schildern die doppelte Diskriminierung der NicaraguanerInnen ohne Papiere (indocumentados), die rassistische Vorurteile ertragen sowie die schwierigsten und gefährlichsten Arbeiten auf den Plantagen übernehmen müssen.

Der Regierung Costa Ricas, insbesondere dem Arbeitsministerium, werfen die Gewerkschafter Stillschweigen und Komplizenschaft mit den Produzenten vor. Das costarikanische Arbeitsrecht schreibt eine Lösung von Arbeitskonflikten innerhalb von zwei Monaten durch das Arbeitsministerium vor. Auch Artikel 41 der Verfassung Costa Ricas spricht von einer raschen Klärung strittiger Arbeitskonflikte. In keinem der von COSIBA zum Teil schon 1996 dem zuständigen nationalen Inspektor im Arbeitsministerium vorgelegten Fälle habe es die Behörde bisher für nötig gehalten aktiv zu werden. "Die Vorgänge werden entweder nicht bearbeitet oder verschwinden in den Schubladen", sagt Ramón Barrantes, Vorsitzender der Landarbeitergewerkschaft SITAGAH aus Puerto Viejo de Sarapiquí. Costa Rica ist auch von der International Labor Organization (ILO) gemahnt und aufgefordert worden, die Rechte der ArbeiterInnen auf Versammlungs- und Organisationsfreiheit zu achten. Bisher ohne Erfolg.


Gewerkschaften und Arbeitsrechte in Costa Rica

Noch vor 20 Jahren waren die Bananenarbeiter-Gewerkschaften Costa Ricas schlagkräftige, mitgliederstarke Organisationen und eng mit der kommunistischen Partei verbunden. Deren Funktionäre in San José sahen in den Arbeiterverbänden immer nur den Transmissionsriemen der Partei. Als Mitte der 80er Jahre die Spaltung und der langsame Niedergang der KP einsetzten, bekamen dies auch die Gewerkschaften zu spüren. Zuvor aber war es ihnen in jahrelangem Kampf gelungen, deutliche soziale Verbesserungen wie Mindestlöhne, Tarifverträge und geregelte Arbeitszeiten für die BananenarbeiterInnen durchzusetzen. 1984 kam es in der südlichen Pazifikregion um Golfito zu einem Streik, der 72 Tage dauern sollte und damit endete, daß der Hauptarbeitgeber der Region, die United Brands Company (Chiquita), ihren längst geplanten Rückzug antrat und ihr Hauptaktionsfeld in die Atlantikregion verlagerte. Der Hafen von Golfito machte Bankrott, und mehr als 2.500 Familien standen plötzlich vor dem Nichts. Als Folge des Streiks setzte auch der Staat immer mehr auf den Solidarismo, der fast zur Staatsideologie erhoben wurde und eine demokratische Gewerkschaftspolitik abgelöst hat. Von diesen Rückschlägen haben sich die Gewerkschaften bis heute nicht erholt: Zwar beschäftigt die Bananenindustrie direkt rund 51.000 (oftmals minderjährige) ArbeiterInnen, doch nur acht Prozent der bananeros sind gewerkschaftlich organisiert. 30 Prozent der ArbeiterInnen halten sich ohne Papiere im Land auf, und 35.000 ArbeiterInnen schuften auf der Basis von Dreimonatsverträgen: Sie haben somit kein Anrecht auf soziale Sicherung, Weihnachtsgeld oder Urlaub.

Solidarismo

Als der Kalte Krieg im Mittelamerika zu einem heißen Krieg mutierte, verfolgten der costarikanische Staat und Unternehmen verstärkt eine zutiefst antigewerkschaftliche Politik, indem sie arbeitgeberfreundliche, sogenannte solidaristische Vereinigungen aufbauten. Mit diesem wirksamen Instrument der sozialen Kontrolle werden alle Arbeiter unter Druck gesetzt. Von ihnen wird verlangt, den Vereinigungen beizutreten, die allein dazu dienen, Streiks zur Verbesserung der Situation der Arbeitnehmer zu verhindern. Die "solidaristischen Vereinigungen" lehnen Streik und Arbeitskampf strikt ab. Grundlage des Solidarismo ist die Auffassung, daß Unternehmer und Arbeiter das gleiche Ziel verfolgen, insbesondere das Wohlergehen des Unternehmens. In diesem System des "sozialen Friedens" bleibt kein Platz für starke, freie Gewerkschaften, die die Interessen der ArbeiterInnen gegenüber den Unternehmen vertreten.

Als Pionier des Solidarismo gilt Pater Claudio Solano Cerdas, Direktor der Escuela Juan XXIII (Schule Johannes XXIII.) in San José. Solano Cerdas verfügt über politische Macht sowie exzellente Verbindungen zu den Sicherheitsorganen und zu wichtigen Unternehmen. Geschulte Mitarbeiter dieser Institution tauchen in Unternehmen auf, die von Streiks bedroht sind, und gründen dort "solidaristische Vereinigungen" und Komitees. Die Aufgabe dieser Komitees besteht u.a. darin, Direktverträge mit den Unternehmen abzuschließen. So wird der Abschluß von Manteltarifverträgen verhindert.


Von der Gründung bis zur kolumbianischen Tragödie

1870 Kapitän Lorenzo Dow Baker verschifft die ersten Bananen von Jamaica in die USA. Baker und der Bostoner Hafeninspektor Andrew Preston gründen die Boston Fruit Company.

1871 Minor Keith schließt in Costa Rica einen Vertrag, um den Bau der Eisenbahnlinie an die Atlantikküste zu beenden. Entlang der Eisenbahn betreibt er Bananenanbau.

30.3.1899 Gründung der United Fruit Company (UFC).

1901 Die UFC expandiert nach Kuba in den Zuckersektor.

1905 Die UFC siedelt sich an Karibikküste Kolumbiens an. Entlang der Küste wird bald eine Eisenbahnlinie eingeweiht, was zu einer massiven Einwanderung in der Region führt.

1907 Die UFC gründet ihre Große Weiße Flotte, die bis 1930 auf 95 Schiffe anwächst.

1918 Der von der UFC verursachte Bananenrausch in Kolumbien sorgt nach dem Ersten Weltkrieg für eine massive Einwanderung in die kolumbianische Bananenregion.

1920 Die USA intervenieren in Guatemala, um das im Besitz der UFC befindliche Telegrafenamt in der Hauptstadt "zu schützen".

1920 Die UFC schluckt die französische Compagnie Immobilière et Agricole de Colombie.

1928 Im Norden von Kolumbien werden Hunderte von streikenden ArbeiterInnen der UFC vom Militär ermordet.


 Von der Weltwirtschaftskrise bis zur guatemaltekischen Tragödie

1929 Die UFC kauft die Cuyamel Fruit Company von Sam Zemurray (Banana Man) in Honduras.

1930 Die UFC ist der größte Arbeitgeber in Zentralamerika und besitzt die größte Privatflotte der Welt.

1931 Machtergreifung von Jorge Ubico in Guatemala mit Unterstützung der US-Botschaft.

1932 Ubico läßt vom Militär einen Bananenarbeiterstreik niedermetzeln. Durch ein "Gesetz gegen Landstreicherei" werden Bauern gezwungen, unentgeltlich auf Bananenplantagen zu arbeiten.

1936 Die UFC erhält von Ubico neue Konzessionen zum Bananenanbau.

1941 Die große weiße Flotte wird für Kriegszwecke beschlagnahmt. Der Bananenhandel kommt fast zum Erliegen.

1944 Die UFC führt den Markennamen Chiquita und die Miss Chiquita ein.

1954 40.000 hombres de machete treten in Honduras in einen Streik. In Guatemala wird die Reformregierung Jacobo Arbenz durch eine von der CIA und der UFC finanzierte Söldner-Armee gestürzt (Bananen-Krieg).


Vom Bananen-Krieg zum Bananagate

1954 Oberst Carlos Castillo Armas übernimmt die Macht in Guatemala.

1957 Castillo Armas wird in Guatemala ermordet.

1961 Exilkubaner unternehmen einen Umsturzversuch in Kuba (Schweinebucht).

1963 Im Rahmen einer immensen Werbekampagne in den USA wird der blaue Chiquita-Aufkleber eingeführt.

1967 Das blaue Chiquita-Label wird in Europa eingeführt.

1968 Die UFC verkauft 1,8 Milliarden Kilo Bananen weltweit.

1970 Die Federal Trade Commission in den USA leitet wegen der Verletzung des Anti-Trustgesetzes Untersuchungen gegen die UFC ein.

1970 Die UFC fusioniert mit der AMK Corporation (Fleischhandel) zur United Brands Company (UBC). Neuer Präsident wird Elie Black. Der Verkauf von Teilen der AMK Corporation dauert bis 1995.

1974 Die "Union der Bananen exportierenden Länder" wird gegründet. Der Hurricane Fifi tötet in Honduras 5.000 Menschen.

1975 In Honduras herrscht eine Hungersnot. Bananagate. Die American Financial Corporation (AFC), wird Hauptaktionär der UBC.


Glossar

Better Banana Project: umstrittenes Chiquita-Projekt zum Schutz der Umwelt. Auch Banano Amigo.

Bananagate: Bezeichnung für den Bestechungsskandal der UBC 1975 in Honduras.

bananeros/as: BananenarbeiterInnen

bache: Gemeinschaftsunterkunft für junge, unverheiratete Bananenarbeiter auf den Plantagen (von engl. bachelor)

caudillo: politischer Machthaber, meist militärischer Diktator.

contratistas: Subunternehmer, die BananenarbeiterInnen rekrutieren. Sie entheben die Fruchtmultis ihrer arbeitsrechtlichen Verantwortung.

frutera: Fruchtmulti, Bezeichnung für die UFC, aus dem englischen fruit.

fumigación aérea: Fungizid-Besprühung einer Plantage aus dem Flugzeug.

hojarasca: (dt.: Laubsturm) Titel eines Romans von Gabriel García Márquez.

hombres de machete: Machetenmänner, Bezeichnung für Bananenarbeiter in Honduras.

indocumentados: ArbeiterInnen in Costa Rica, die aus Nachbarstaaten kommen und die über keine Arbeits- oder Aufenthaltspapiere verfügen.

Mamita Yunai: Mütterchen Yunai. Verballhornung des engl. United aus United Fruit Company.

Operation Success: (dt.: Operation Erfolg) Bezeichnung für die US-Intervention in Guatemala 1954.

piola: Seile aus Plastik, die das Umknicken der Bananenstauden verhindern sollen.

papaya: Lohnlisten, die auf jeder Plantage in Costa Rica öffentlich ausgehängt werden müssen. Es soll den ArbeiterInnen als Kontrollinstrument dienen.

pulpo: Krake, Bezeichnung für den fast alle Bereiche der Wirtschaft beherrschenden Multi Chiquita Brands.

Sigatoka Negra: Eine gefährliche Pilzerkrankung der Blätter einer Bananenstaude. Sie kann in kurzer Zeit eine ganze Plantage vernichten. Mit Besprühungen der Plantage aus Flugzeugen wird versucht, diese Plage zu bekämpfen.

Solidarismo, soldiaristische Vereinigungen: wirksames Instrument der sozialen Kontrolle in Costa Rica, das der Verhinderung von Streiks und der Bekämpfung freier Gewerkschaften dient.

Union der Bananen exportierenden Länder: UPEB. 1974 gegründeter Zusammenschluß nach Vorbild der Erdöl exportierenden Länder (OPEC). Ziel war es, die Monopolstellung der Multis zu brechen.


Bibliographie

Sachbücher

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Dasso Saldívar, Reise zum Ursprung. Eine Biographie über Gabriel García Márquez, Köln 1998.

Belletristik

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